Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Kirchentuer Herz Jesu Wiedikon thumbEntlassungsruf

«Gehet hin in Frieden»

Keine Aufforderung zum Ausruhen, auch kein moralischer Zeigefinger für Streitende, sondern Aussendung zum «Gottesdienst des Lebens».

«Gehet hin in Frieden» - so lautet der Entlassungsruf am Ende der Eucharistiefeier. Sollen die Mitfeiernden die Erfahrung des Friedens, der Ruhe, die sie möglicherweise im Laufe des Gottesdienstes gemacht haben, mit in ihren Alltag nehmen - sozusagen der Gottesdienst als Quelle der persönlichen Regeneration? Oder geht es darum, dass die Mitfeiernden untereinander nicht streiten sollen? 

«Gehet hin in Frieden» statt «Gehet, es ist Schluss»

Die wörtliche Übersetzung der lateinischen Entlassungsformel «Ite, missa est» wäre eigentlich «Gehet, es ist Schluss» oder «Gehet, es ist Entlassung». Die lateinische Formel wurde ursprünglich in der Antike von den Vorstehern öffentlicher Versammlungen benutzt, um ganz förmlich das Ende der Versammlung zu verkünden. Aber der Entlassungsruf im deutschsprachigen Messbuch lautet eben nicht «Gehet, die Messe ist beendet», sondern «Gehet hin in Frieden». Offensichtlich geht es um mehr, als nur offiziell das Ende des Gottesdienstes anzuzeigen.

Frieden – Schalom

Zentral für das Verständnis ist hier zum einen der Begriff «Frieden». Dieser Begriff begegnet im Verlauf der Eucharistiefeier mehrmals: Neben dem Entlassungsruf kommt er insbesondere auch im Gloria, im Friedensritus nach dem Vaterunser sowie im Agnus Dei vor.
Um besser zu verstehen, was hier mit «Frieden» gemeint ist, lohnt ein Blick auf das biblische Verständnis des Begriffs.
Das hebräische Wort, das im Alten Testament verwendet wird, lautet «Schalom». Schalom meint nicht nur die Abwesenheit von Krieg und Streit zwischen den Menschen. Schalom drückt aus, dass sowohl das Verhältnis der Menschen untereinander als auch das Verhältnis der Menschen zu Gott völlig bereinigt ist, dass es nichts gibt, was dieses Verhältnis trübt. Nach der Tradition des Alten Testaments hat dieser Schalom seinen Ursprung in Gott. Schalom meint auch «Heil» oder «Rettung».
Die christliche Tradition versteht das Ostergeschehen, also Kreuzestod und Auferweckung Jesu, als Konkretisierung und Verwirklichung dieses Schalom.
Im Verständnis der römisch-katholischen Kirche werden die Mitfeiernden bei einer Eucharistiefeier hineingenommen in diesen Schalom Gottes. Anders ausgedrückt: In der Eucharistiefeier erhalten die Mitfeiernden einen «Vorgeschmack» auf diesen Zustand umfassenden Heils. Daran werden die Mitfeiernden mit dem Entlassungsruf erinnert.

Gehet – Sendung zum Gottesdienst des Lebens

Der zweite zentrale Ausdruck ist «gehet». Dieser Ausdruck signalisiert, dass die Mitfeiernden zu etwas aufgefordert werden. Ein Blick in die Bibel zeigt, dass die Aufforderung «gehet» sowohl im Alten als auch im Neuen Testament mit dem Gedanken der Sendung verbunden ist. Der Entlassungsruf der Messe ist demnach als christliche Sendung zu verstehen. Die Mitfeiernden werden gesendet, den Schalom Gottes, den sie in der Eucharistiefeier erfahren haben, in ihren Alltag mitzunehmen und weiterzugeben. Der Entlassungsruf zeigt also gerade nicht das Ende des Gottesdienstes an, sondern macht klar, dass der Gottesdienst im Alltag der Menschen weitergehen soll – als Gottesdienst des Lebens.

Neue lateinische Entlassungsrufe bringen das zum Ausdruck

Auch Benedikt XVI. vertrat im Schreiben «Sacramentum Caritatis» die Auffassung, dass der Schlussruf eine Aussendung ist, dass es um die christliche Sendung in der Welt geht. Er empfahl daher die Aufnahme entsprechender Formulierungen in den Messbüchern. 2008 wurden in der lateinischen Ausgabe des Messbuchs zusätzlich drei neue Entlassungsrufe zugelassen, die dieses Verständnis zum Ausdruck bringen. Die neuen Entlassungsrufe lauten «Ite ad Evangelium Domini annuntiandum» («Gehet, um das Evangelium zu verkünden»), «Ite in pace, glorificando vita vestra dominum» («Gehet in Frieden, verherrlicht den Herrn mit eurem Leben») und «Ite in pace» («Gehet in Frieden»).

Entlassungsruf: Zuspruch und Anspruch

Der Entlassungsruf «Gehet hin in Frieden» ist also gleichzeitig Zuspruch und Anspruch. Als Zuspruch erinnert er die Mitfeiernden daran, dass sie in der Eucharistiefeier bereits die Erfahrung des Schaloms Gottes machen konnten und dass sie von diesem Schalom umfangen sind. Als Anspruch appelliert der Entlassungsruf an die Mitfeiernden, die Erfahrung, die sie in der Eucharistiefeier gemacht haben, in ihr Leben mitzunehmen und durch ihr Reden und Handeln mit anderen Menschen zu teilen.

Ingrid Bolliger, Theologiestudentin in Luzern (28.06.2019)

Dieser Beitrag wurde unterstützt durch Mittel des Freundeskreises Liturgisches Institut.

Stichwort

  • Die Schlussformel wird vom Diakon oder vom Priester gesungen oder gesprochen.
  • In der Osterzeit wird der Schlussformel ein zweifaches Halleluja hinzugefügt (in der gesprochen Form nur bis zum Weissen Sonntag)
  • Die Schlussformel „Ite, missa est“ ist vermutlich der Grund, weshalb die Eucharistiefeier als Ganzes als „missa“ bezeichnet wurde.

Zitat

„Nach dem Segen verabschiedet der Diakon oder der Priester das Volk mit den Worten: „Ite missa est“. In diesem Gruß können wir die Beziehung zwischen der gefeierten Messe und der christlichen Sendung in der Welt erkennen. Im Altertum bedeutete „missa“ einfach „Entlassung“. Im christlichen Gebrauch hat das Wort jedoch eine immer tiefere Bedeutung gewonnen, indem „missa“ zunehmend als „missio“ verstanden und so Entlassung zu Aussendung wird. Dieser Gruß drückt in wenigen Worten die missionarische Natur der Kirche aus. Darum ist es gut, dem Volk Gottes zu helfen, diese Grunddimension des kirchlichen Lebens – ausgehend von der Liturgie – zu vertiefen. In dieser Hinsicht kann es nützlich sein, über entsprechend approbierte Texte für das Gebet über das Volk und den Schlußsegen zu verfügen, die diese Verbindung deutlich zum Ausdruck bringen.“
Benedikt XVI., Sacramentum caritatis (2007), Nr. 51


Lesetipp

bibel messe verstehen 2


















Jeggle-Merz, Brigitte/Kirchschläger, Walter/Müller, Jörg: Mit der Bibel die Messe verstehen. Bd. 2: Die Feier der Eucharistie. Stuttgart 2017, S. 205-213

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