Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Hungertuch aus dem ehemaligen Kloster Marienfeld thumbFastentuch/Hungertuch

Konsumverzicht für Augen und Ohren

Gegen Bild und Ton kann man Auge und Ohr kaum abschotten. Das Sichtbare zu verhüllen und das Hörbare zu reduzieren ist Askese für die Sinne.

Verhüllen

Das amerikanische Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude sorgte in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit Verhüllungsaktionen für Aufsehen. Es verpackte unter anderem den Pont Neuf in Paris, den Berliner Reichstag und 178 Bäume in Riehen. Das Verhüllen ermöglicht es, gewohnte Dinge und Landschaften mit anderen Augen zu sehen. Dieses Prinzip wendet auch die katholische Liturgie schon seit Jahrhunderten an.

Hungertuch

Im Mittelalter entstand der Brauch, in der Fastenzeit den Altar und seine Bilder mit einem einfachen schwarzen oder violetten Tuch zu verhängen, um sie den Blicken der Gläubigen zu entziehen. Ähnlich wie die Bilderwand der Ostkirchen oder zu biblischen Zeiten der Vorhang im jüdischen Tempel schirmte das sogenannte Hungertuch (Fastentuch) den Altarraum als "heiligen Bezirk" ab. Den Kirchgängern wurde damit zwischen Aschermittwoch und Ostern eine Art Augenfasten auferlegt. Mit der Zeit begann man, biblische Szenen, vor allem aus der Passion Jesu, auf dem Tuch darzustellen. Mancherorts hat sich der Brauch bis heute erhalten. Hierzulande nahm das kirchliche Hilfswerk "Fastenopfer" die Idee des Hungertuches wieder auf, allerdings mit einer anderen Zielsetzung.

Kreuze und Bilder

Als Augenfasten lässt sich auch die heute noch praktizierte Verhüllung von Kreuzen und Bildern in der Kirche am 5. Fastensonntag (früher Passionssonntag) deuten. Die Kreuze werden am Karfreitag enthüllt, die Bilder – vor allem Darstellungen des auferstandenen, im Himmel thronenden Christus – in der Osternacht. Sie treten dann den Gläubigen wieder stärker ins Bewusstsein.

Wenn die Orgel schweigt

Ungewohntes bekommen im Gottesdienst der Fastenzeit nicht nur die Augen zu sehen, sondern auch die Ohren zu hören. Der Einzug des Priesters und der MinistrantInnen wird nicht vom üblichen Orgelspiel begleitet, sondern erfolgt in Stille, denn während der Fastenzeit soll der Klang der Instrumente nur zur Unterstützung des Gemeindegesangs eingesetzt werden. Vom Gründonnerstag bis zur Osternacht schweigt die Orgel sogar ganz, ebenso wie die Kirchenglocken. Auch werden in der Fastenzeit kein Halleluja und kein Gloria gesungen. Dafür hören wir diese Klänge in der Osternacht wie neu und können uns besonders daran erfreuen. Im Übrigen wird uns in Erinnerung gerufen, dass nicht einfach die Orgel spielt, sondern eine Person, die mit ihrer Musik etwas aussagen will.

Wahrnehmung schärfen

Fastentuch St Otmar Moedling OesterreichDie besonderen liturgischen Regeln der Fastenzeit weisen uns auf die Möglichkeit hin, mit den Augen und Ohren zu fasten. Das ist heute aktueller denn je. In einer Zeit, in der die tägliche Bilder- und Klangflut unsere Sinne ausreizt, kann uns eine wenigstens zeitweilige, bewusste Einschränkung des Augen- und Ohrenkonsums nur gut tun. Es hilft uns, das gewohnte Umfeld aufmerksamer und intensiver wahrzunehmen. Alltägliches, Vertrautes anders zu sehen ist der erste Schritt zu einer Verhaltensänderung, zur "Umkehr", von der das Evangelium spricht.

"Was kein Auge gesehen ..."

Nicht zuletzt weist das liturgische Augen- und Ohrenfasten darauf hin, wie relativ unsere Sinneswahrnehmung ist. Wir dürfen dankbar sein für die Fähigkeit zu sehen und zu hören, sollten uns aber auch bewusst sein, dass es noch mehr gibt, als was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar" sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen bei Antoine de Saint-Exupéry. Die Christgläubigen aber vertrauen auf das biblische Wort: "Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben" (nach 1 Korintherbrief 2,9).

Josef-Anton Willa

Stichwort

  • Tuch, das seit ca. 1000 n.Chr. und zum Teil bis heute die Bilder über dem Altar verbirgt.
  • Urspr. schwarz oder violett, seit dem 14. Jahrhundert oft mit Darstellungen aus der Heilsgeschichte geschmückt.
  • Am Hungertuch nagen: ursprünglich wahrscheinlich "am Hungertuch flicken oder nähen", dann für hungern, darben, ärmlich leben, sich kümmerlich behelfen: die Fastenzeit war einmal eine Hungerszeit.
  • Neubelebung durch das Hilfswerk Misereor in den 70er Jahren mit katechetisch-pastoraler Zielsetzung, nicht zur Verhüllung des Altars gedacht.

Praxis-Tipp

42612056955298246510

Lorscher Fastentuch 2003

"Mitten in der Fastnachtszeit trafen sich an einem Samstag 19 Mitglieder unserer Pfarrgemeinde, um ausgehend von den Evangelien der Fastensonntage dieses Jahres ein eigenes Fastentuch zu gestalten. ... Zunächst einmal wurden die Evangelien in der Runde gelesen und ihre Bedeutung – teils in sehr persönlicher Sichtweise – diskutiert. ... Die Aktiven zwischen 18 und 67 Jahren machten sich sodann daran, die einzelnen Motive in Kleingruppen zu realisieren.
Das Leitwort der Fastenzeit 2003, 'Was zählt, ist die Liebe' wurde bewußt in den Mittelpunkt gestellt, um in einer immer oberflächlicher handelnden Gesellschaft den wahren höchsten Wert, die Liebe zu Gott und den Menschen, zu betonen."

Pfarrei Lorsch

Wider-Worte

42700043731571798718

Tarnstoffe und Versöhnung:

das Hungertuch von Walter Köstenbauer (Graz St. Andrä 2004)

"Das an zwei dünnen, beinahe unsichtbaren Stahlseilen von der Decke des Altarraumes abgehängte Fastentuch ist knapp 4 x 5 Meter groß, besteht aus 25 Holzrahmen, die mit originalen militärischen Tarnstoffen bespannt sind. 14 verschiedene Nationen sind mit ihren typischen Camouflagemustern vertreten. Alle zusammen ergeben ein gemeinsames Bild, das in ästhetischer Übereinstimmung mit Farbe und Struktur des barocken Hochaltar alle Funktionen eines traditionellen Fastentuches erfüllt.

In der quantitativen Addition der Militärstoffe geht es Walter Köstenbauer nicht um eine Leistungsschau kriegerischer Raffinesse – die Stoffbeispiele reichen von Pakistan bis Kalifornien – sondern um den grundlegenden Effekt, dass die deutliche Präsentation der Tarnstoffe ein dem militärischen Anliegen gegenläufiges Resultat erzielt. Der Betrachter findet Gefallen an den malerischen und grafischen Reizen der Textilbeispiele von Pakistan bis Kalifornien. Das Ensemble hat einen hohen dekorativen Effekt. Köstenbauer baut damit eine ästhetische Falle auf. Man vergisst den Kontext und freut sich am schönen Muster. Das textile Militärzeug hat sich vorübergehend seiner abscheulichen Brutalität entledigt, aber es bleibt, was es ist.

Köstenbauer artikulierte in der Projektion seiner Arbeit mehrmals den Gedanken der Versöhnung von gegensätzlichen Positionen und das Anliegen einer Völker verbindenden bildnerischen Geste."

Hermann Glettler

Facts

"Der Brauch, die Kreuze und Bilder in den Kirchen vom 5. Fastensonntag an zu verhüllen, kann beibehalten werden, wenn die Bischofskonferenz es so angeordnet hat. Die Kreuze bleiben in diesem Fall verhüllt bis zum Ende der Karfreitagsliturgie, die Bilder jedoch bis zum Beginn der Osternachtfeier."

Paschalis sollemnitatis Nr. 26

Links

Fastentuch/wikipedia

Liturgisches Institut
der deutschsprachigen Schweiz
Impasse de la Forêt 5 A
CH-1700 Freiburg
Fon: 026 484 80 60
Fax: 026 484 80 69
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Newsletter abonnieren