Eine „ganz normale“ Sonntagsmesse

In einem Projekt in Zürich hat man versucht, in einer Eucharistiefeier ungewohnte Akzente zu setzen, die eigentlich gar nichts Besonderes sind – mit Erfolg.

 

Wenn liturgisch Interessierte ins Schwärmen darüber geraten, wie eigentlich eine Eucharistiefeier gestaltet sein sollte, bekommen sie oft zu hören, dass sie wohl gute und durchaus sinnvolle Ideen hätten, dass jedoch dies und jenes nicht umsetzbar sei, z. B. die vollständige Leseordnung mit Erster und Zweiter Lesung und dem Antwortpsalm oder etwa die Spendung der Eucharistie auch unter der Gestalt des Weines.

Schließlich beginnt man allmählich auch in der liturgischen Bildungsarbeit selbst an der Umsetzbarkeit der eigenen Qualitätsstandards zu zweifeln. Nicht zuletzt aus diesem Grund startete das Liturgische Institut der deutschsprachigen Schweiz im Juli 2016 ein Projekt gemeinsam mit der Pfarrei St. Peter und Paul in der Innenstadt von Zürich. Dabei war die Frage tatsächlich die, ob eine Eucharistiefeier nach den „Idealen“ des Teams des Liturgischen Instituts in einer konkreten Gemeinde möglich sei und als sinnvoll und fruchtbar erfahren würde.

 

Inhalt vor Form

Allerdings war uns von Anfang an bewusst, dass wir mit unseren Ideen nicht von Außen – sei es als Heilsbringer, sei es als Besserwisser – in die Gemeinde hineinkommen durften, sondern mit einer Gruppe aus der Gemeinde die Feier gemeinsam entwickeln wollten. Vor allen gestalterischen und formalen Fragen war dabei zunächst der Inhalt wichtig. Deshalb fanden im zweiten Halbjahr 2016 insgesamt vier Bildungsabende statt. Acht bis zehn Personen (inkl. Pfarrer und Vikar) nahmen an den jeweiligen Abenden teil. Am ersten Abend wurde das Projekt vorgestellt, die Teilnehmenden reflektierten ihre eigenen Erfahrungen und Bezüge zur Liturgie sowie Fragen zur particiaptio actuosa und zur liturgischen Qualität. Der zweite Abend beschäftigte sich mit dem Wortgottesdienst, der dritte mit der Eucharistiefeier. Am vierten Abend wurde die Feier bei einem Ortstermin in der Kirche geplant, verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten von der Gruppe diskutiert und über die konkrete Form gemeinsam entschieden.

Schließlich wurde am Ersten Advent 2016 die erste „Eucharistie am Sonntagabend“ gefeiert – so schließlich der Name, mit dem jeweils zum Gottesdienst eingeladen wird. In der Ankündigung im Pfarreiblatt, auf der Website und auf Facebook wurde die gemeinsame Vorbereitung durch eine Gruppe der Pfarrei betont. Und die Messe wurde folgendermaßen „beworben“: „Diese Eucharistie ist eigentlich nichts Besonderes. Und dennoch setzt sie ungewohnte Akzente, inszeniert uralte Riten neu, ist musikalisch ansprechend gestaltet und soll so alle Teilnehmenden tiefer in die Feier hineinnehmen.“ 

 

Die „Akzente“ der Feier

Was sind nun diese „ungewohnten Akzente“ und „neu inszenierten Riten“? Die gesamte Feier und vor allem ihr Eindruck können hier nicht wiedergegeben werden. Genannt seien nur die wichtigsten Punkte:

  • An den Türen stehen Mitglieder aus der Vorbereitungsgruppe, die den Teilnehmenden ein kleines Heft (mit einer Hinführung zu den „Besonderheiten“ der Feier) und/oder Liedzettel in die Hand drücken und sie dezent begrüßen.
  • Aus ursprünglichem Mangel an Ministranten werden die Ministrantendienste überwiegend von Erwachsenen übernommen.
  • Alle, die einen liturgischen Dienst übernehmen (Lektoren, Kommunionhelferinnen, Kantoren, Ministrantinnen), tragen eine Albe, ziehen beim Einzug mit ein und haben ihre Plätze im Altarraum.
  • Der Gottesdienst wird vom Vorstehersitz aus geleitet.
  • Es wird besonderer Wert gelegt auf eine durchdachte „Kerzenregie“. So begleiten die Kerzen während des Wortgottesdienstes das Evangeliar. Erst zur Gabenbereitung (Gabenprozession) werden Kerzen auch auf dem Altar entzündet.
  • Nach der Verkündigung wird das Evangeliar auf einem ehemaligen Seitenaltar mit Kerzen „inthronisiert“ und bleibt dort bis nach der Messe stehen.
  • Es werden alle vorgesehenen Lesungen (von unterschiedlichen Lektoren) gelesen, der Antwortpsalm und das Halleluja werden von einer Kantorin im Wechsel mit der Gemeinde gesungen.
  • Die Predigt soll bewusst „mystagogisch“ sein. Sie soll ebenfalls in die konkrete Feier hineinführen.
  • Die Fürbitten werden von zwei Gemeindemitgliedern (manchmal ein Erwachsener und ein Kind) aus dem Mittelgang in Richtung Altar mit Hilfe eines Funkmikrofons vorgelesen.
  • Die Gaben werden von einem alten Ehepaar, begleitet von zwei Ministrantinnen, aus der Mitte der Kirche zum Altar gebracht. Dabei werden nur eine Hostienschale und eine große Karaffe mit Wein nach vorne getragen. Die (leeren) Kelche werden von der Seite angereicht.
  • Ins Hochgebet stimmt die Gemeinde mehrmals mit Akklamationen ein, die die Kantorin anleitet.
  • Das Hochgebet endet immer mit einem besonders gestalteten „Amen“ der Gemeinde.
  • Als eucharistische Materie werden nur Hostien mit einem Durchmesser von etwa 12 cm genommen. Die Brechung dieser Hostien (ca. zwölf Hostien, die Anzahl variiert je nach Teilnehmerzahl) vor der Kommunion ist ein bemerkbarer Akt, der
    Zeit benötigt. Es wird darauf geachtet, dass möglichst keine Hostien aus dem Tabernakel ausgeteilt werden müssen.
  • Die Kommunion wird unter den Gestalten von Brot und Wein ausgeteilt.
  • Während der Kommunion singt der Kantor einen Psalm im Wechsel mit einem einfachen Kehrvers, den die Gemeinde ohne Buch singen kann.
  •  Die gebrauchten Gefäße werden auf eine Kredenz im Altarraum gestellt und mit einem weißen Tuch bedeckt. Erst nach der Messe werden sie purifi ziert.
  • An den Gottesdienst schließt sich ein einfacher Apéro, ein kleiner Empfang, im Pfarrsaal zur gegenseitigen Begegnung an.

Mit der Frage nach der Albe für die liturgischen Dienste waren die Verantwortlichen sehr vorsichtig. In der ersten Feier trugen nur die Ministrantinnen und die Lektoren liturgische Gewänder. Aus der Gruppe selbst kam dann aber die Bitte, dass
doch alle eine Albe tragen mögen. Auch die Mitwirkenden, die erst im Laufe der Zeit zur Gruppe stießen, tragen nun wie selbstverständlich eine Albe.

Sehr wertvoll für die Feier ist der Beitrag des Kirchenmusikers der Pfarrei St. Peter und Paul, der von Anfang an in das Projekt involviert war und jeweils einen Vorschlag für die musikalische Gestaltung macht. Dabei sind – wie oben schon angedeutet – nicht nur strophische Lieder vorgesehen, sondern auch Gesänge im Wechsel zwischen Kantoren und Gemeinde (z. B. Psalmen, Gesänge des Ordinariums).

 

Erfahrungen und Herausforderungen

Welche Erfahrungen haben wir nun mit dieser Gottesdienstform gemacht? Um es gleich zu sagen: fast nur positive! Die Teilnehmerzahl hat zugenommen. Ablehnung haben wir bisher keine gespürt. Die meisten Elemente konnten wie selbstverständlich eingeführt werden. Es sind immer genügend Personen bereit, die notwendigen liturgischen Dienste zu übernehmen (es braucht mindestens fünf Kommunionhelferinnen, zwei Lektoren, eine Kantorin und Ministranten); die Gruppe der aktiv Beteiligten ist im Laufe des vergangenen Jahres gewachsen und wächst weiter. 2017 wurde die „Eucharistie am Sonntagabend“ jeweils alle zwei Monate gefeiert, seit 2018 nun jeden Monat.
Noch nicht „angekommen“ bei den Mitfeiernden ist der Gesang während der Kommunion. Was theoretisch und theologisch sinnvoll ist und eigentlich auch von der Liturgie so vorgesehen – dass die Gemeinde die Einzelnen mit Gesang zum Mahl begleitet –, widerspricht dem Gefühl der Teilnehmenden, dass die Kommunion etwas Meditatives und Stilles haben muss, wird sie doch als Begegnung des Einzelnen mit Gott empfunden. Es muss sich zeigen, ob es durch diese andere Praxis (und ab und zu einbehutsames Wort) auch zu einer Korrektur des Verständnisses der Kommunion kommen kann.

Die große Herausforderung bei der Kelchkommunion ist die Schulung der Kommunionhelfer. Einerseits haben sie keine Erfahrung mit der Spendung des Kelches, andererseits erfordert das Hantieren mit gefülltem Kelch und Kelchtuch und das Überreichen an die Kommunikanten eine gewisse Übung – letzteres auch für die Kommunikanten selbst. 

Das Projekt wird fortgesetzt. Geplant sind weitere Treffen der „Trägergruppe“, bei der die inhaltliche Arbeit weitergeführt wird. Eine wunderbare Folge des Projekts ist der gute Zusammenhalt der inzwischen gewachsenen Gruppe von Mitwirkenden, von denen sich viele auch beim Mittagsgebet der Pfarrei jeden Dienstag mit anschließendem Mittagessen treffen. Nach diesen positiven Erfahrungen hat das Liturgische Institut ein weiteres Projekt in Freiburg i. Üe. begonnen. 

Dabei sei die Hoffnung nicht verschwiegen, dass diese Feier Vorbild sein könnte für die Praxis auch an anderen Orten.

 

Martin Conrad, Mitarbeiter des Liturgisches Instituts der deutschsprachigen Schweiz

Der  Artikel wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift "Gottesdienst" Nr.8 / 2018

Photos: © Liturgisches Institut

 

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Artikel "Eine „ganz normale“ Sonntagsmesse" der Zeitschrift "Gottesdienst"

 

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