assisi frescoes entry into jerusalem pietro lorenzetti thumbWandlung der Stadt und Werden der Kirche (Serie Gedenkjahr 2)

Silja Walters Palmsonntagslied wird von einem doppelten Kommen umfasst. Mit dem Herrn kommt die Kirche. Und zwar dort, ja allein dort, wo sie seine Lebensbewegung mitvollzieht. „Seht, er kommt“ und „Seht, sie kommt“ bildet die programmatische Klammer in erster und vierter Strophe. „Sie“ aber ist wieder die Stadt aus den Höhen: Zwischen Silja Walters „Eine grosse Stadt ersteht“ von 1965 und dem Palmsonntagslied dreissig Jahre später besteht eine enge Verbindung.


Das LIed (KG 414 zur Melodie von "Lobe den Herren")

Seht, er kommt, seht unsern Herrn nach Jerusalem reiten.
Himmel und Erde zur heiligen Stadt ihn begleiten.
Lobt ihn und preist
Christus im Heiligen Geist.
Kommt mit, erfüllt sind die Zeiten.

Lasst ihn nicht stehn, unsern Gott, vor verschlossenen Toren.
Er ist das Leben, wir sind nicht mehr tot und verloren.
Singt und lobpreist
Christus im Heiligen Geist.
Aus ihm sind wir neu geboren.

Folget ihm nach in sein Reich, wir sein Volk, wir die Seinen.
Singen wir nicht unserm König, dann singt's aus den Steinen.
Singt ihm Lobpreis,
Christus im Heiligen Geist,
dass Erd und Himmel sich einen.

Seht, sie kommt, seht, sie ist da, seine Stadt aus den Höhen.
Da, wo er lebt und geht, da muss die Kirche erstehen.
Sie ist der Ort,
wo uns sein Werk und sein Wort
zur Auferstehung geschehen.

Aufforderung zum Lobpreis

Das Kirchenthema scheint Silja Walter nicht losgelassen zu haben. Man gewinnt in unserem Lied den Eindruck, als ob sie der Aussage einen noch stärkeren Nachdruck geben möchte als 1965 in ihrem Lied „Eine grosse Stadt ersteht“. Der poetischen Meisterin gelingt dieser verstärkte Nachdruck durch die Gestaltung der Form: Dreimal wird der Strophenabschluss doxologisch durch die Aufforderung zum Lobpreis gebildet, dreimal in leichter Variation. Dreimal jedoch verbindet sich ganz am Ende der Strophe die Aufforderung mit knappen aber inhaltsschweren Aussagen, die die Aufforderung begründen: „erfüllt sind die Zeiten“, „aus ihm sind wir neu geboren“ (das Wiedergeburtsmotiv aus „Eine grosse Stadt!), „dass Erd und Himmel sich einen“ (als Ziel der Doxologie).

Wo Christus lebt, muss Kirche erstehen

In der vierten Strophe jedoch wird die Aufforderung nicht wiederholt. Vielmehr wird die knappe, doch auch schon hier gewichtige Schlussaussage der drei ersten Strophen geweitet und gesteigert zur dicht gefügten theologischen Doppelsentenz. Es ist beinahe eine ganze Ekklesiologie in knappster Verdichtung, die hier formuliert wird: „Da, wo er lebt und geht, da muss die Kirche erstehen. Sie ist der Ort, wo uns sein Werk und sein Wort zur Auferstehung geschehen.“ Hier wird bilanziert, ein Fazit gezogen. Damit wird ein kraftvoller inhaltlicher Akzent gesetzt. Die Form sagt: Hier wird ausgesprochen, was unbedingt gesagt werden muss, was zu sagen offensichtlich ein tiefes Anliegen bedeutet. Es lohnt sich deshalb, bevor wir diese Aussage noch einmal genauer anschauen, ihre Vorbereitung in der Bewegung des Liedes von seinem Anfang her zu betrachten.

Einzug in Jerusalem

Damit sind wir endlich bei der Verortung in der Liturgie des Kirchenjahres, die das Lied am unmittelbarsten charakterisiert: Es handelt sich um ein Lied für den Palmsonntag. Aber sofort muss gesagt werden: Die historische Imagination wird auf ein Minimum beschränkt. Der zweite Teil der allerersten Zeile ruft die Szenerie des Evangeliums wach: „seht unsern Herrn nach Jerusalem reiten.“ Damit ist die geschichtliche Grundszene da, in den Singenden wachgerufen, und sofort und schon zuvor (im „Seht, er kommt ...“) beginnt bereits poetisch-theologische „Deutungsarbeit“, die zur theologischen Doppelsentenz des Schlusses und zum ebenfalls schon angeführten Schlussbild der aus den Höhen kommenden Stadt führt. (Eine weitere Anspielung auf die Szenerie der Evangelien: „Singen wir nicht unserm König, dann singt‘s aus den Steinen.“)

Wandlung der irdischen Stadt in die himmlische

Der Text bewegt sich also nicht nur zwischen „Er kommt“ und „Sie kommt“, sondern damit verbunden ist auf der Bildebene die Wandlung der irdischen in die himmlische Stadt, des irdischen in das himmlische Jerusalem. Das Lied umfasst den mehrdimensionalen Prozess, in dem die Wandlung vom einen zum anderen geschieht. Und wie in „Eine grosse Stadt“ können wir dabei ein ebenfalls mehrdimensionales Ineinander von Bewegungen beobachten. Das alles entspricht tief der Liturgie des Palmsonntags. Auch in ihr geht es nicht allein um eine historische Reminiszenz, so wichtig die geschichtliche Erdung ist, sondern um eine Bewegung, die schon einmal das Ganze des Paschamysteriums vorwegnimmt und die nicht isoliert christologisch zu deuten ist, sondern als Teilhabe des Gottesvolkes am Weg Christi.

Der Kommende bringt Himmel und Erde mit

Die erste Strophe ruft, wie gesagt, die Grundszene des Evangeliums wach. Aber schon das vorangestellte „Seht, er kommt“ will nicht nur Nachempfindung der Perspektive eines erwartungsgespannten damaligen Teilnehmers sein. Sondern hier wird die Ankunft Jesu als „Adventus“ gedeutet, als Heilsepiphanie des königlichen Herrschers bei seiner Stadt - über die Sprache der Adventsliturgie vermittelt, die, vor allem in der Tagzeitenliturgie die Sprache des Kommens in vielfacher poetischer Variation spricht und zwar sehr oft als Kommen Gottes / des Messias zu seiner Stadt, zum Sion, nach Jerusalem.

Das über die Rezeption der Liturgie gewonnene Motiv wird durchgeführt durch eine ungeheure christologische Aufladung der Szene: Der, der kommt, bringt Himmel und Erde mit. Das heisst: In ihm sind sie geeint zum Heil. Das ist die Christologie der Deuteropaulinen und ihrer Hymnen, in der in Christus Himmel und Erde als Mitte der Wirklichkeit geeint sind. Und um die Teilhabe an dieser Einheit von Himmel und Erde wird es in Silja Walters Lied letztendlich gehen. Dem entspricht, dass das Ereignis Fülle der Zeiten bedeutet. Die hier und in den beiden folgenden Strophen erfolgende intensive Aufforderung zum Lobpreis lässt übrigens wiederum auch liturgische Tradition aufklingen. Man darf hier meines Erachtens durchaus das „Gloria, laus et honor“/"Ruhm und Preis und Ehre" des Theodulf von Orleans (KG 415) als Teil der Palmsonntagsliturgie mithören.

Gott vor verschlossenen Toren?

Strophe 2 führt das Bild der Stadt weiter und transformiert es zum ersten Mal. Die Stadt ist jetzt nicht mehr einfach das historische Jerusalem, sondern vielmehr unser existentieller Lebensraum. Wir können uns öffnen oder verschliessen, im Stadtbild vermittelt durch die Aufforderung, unsern Gott nicht vor verschlossenen Toren stehen zu lassen. Wer ihn einlässt erfährt Wiedergeburt. Denn der in Christus kommende Gott ist Leben und deshalb sind wir eigentlich schon aller Verlorenheit entnommen. Es geht also in dieser Strophe um die Konstitution der christlichen Existenz. Sich zu verschliessen ist eigentlich – mit Karl Barth zu sprechen – nur die „unmögliche Möglichkeit“.

Lobpreis als Medium der Einheit von Himmel und Erde

Wer sich darauf einlässt, kann aber nicht stehenbleiben. Er lässt die Stadt hier hinter sich und beginnt ein Leben der Nachfolge, das in „sein Reich“ führt. Gottes Volk ist in Bewegung. Es hat wie der Hebräerbrief als wichtiger Zeuge neutestamentlicher Volk-Gottes-Theologie sagt hier keine bleibende Stätte. Es bewegt sich hin auf die künftige Stadt. Es ist kein Zufall, dass der Hebräerbrief betont, dass Jesus, der ja zuvor in Jerusalem eingezogen war, ausserhalb der Stadt gelitten hat. All das klingt hier an.

In der Aufforderung zur Doxologie aber wird am Schluss behauptet, dass sich im Lobpreis, der dieses Geschehen begleitet, Himmel und Erde einen können. Das ist eine Scharnierstelle! Sie verweist zurück. Denn möglich ist diese Aussage ja nur, weil das Motiv der ersten Strophe wahr ist: In Christus sind Himmel und Erde geeint. Wer sich dem öffnet und in der Nachfolge in die Lebensbewegung Jesu eintritt, der gewinnt Anteil daran. Und dann können sich im Lobpreis tatsächlich Himmel und Erde vereinen. Das bereitet aber auch die letzte Strophe unmittelbar vor.

Nur im Mitgehen der Lebensbewegung Jesu wird Kirche

Denn in der Teilhabe an der Lebensbewegung Christi, in der Teilhabe an seinem Wort und Werk wird Kirche. Sie wird hier ganz aus dem Paschamysterium verstanden, denn die Teilhabe hat ihren Zielpunkt in der Auferstehung. Und darin sind Himmel und Erde geeint. Wo also sein Leben mit-gelebt, sein Weg mit-gegangen wird, da erst wird Kirche, da ist sie der Ort, wo uns sein Wort und Werk zur Auferstehung geschehen. Da, und nur da. Sonst kann es der Kirche geschehen, so möchte man heute sagen, dass sie zum „Diabol“ (H. Stenger) verfällt. Die theologische Doppelsentenz, diese konzentrierte Ekklesiologie Silja Walters, bekommt 1995 gegenüber 1965 einen fast beschwörenden Ton. 2019 möchte man das beinahe noch verstärken: Nur im Mitgehen der Lebensbewegung Jesu wird Kirche. Aber da – so spricht die Hoffnung – wird sie auch wirklich.

Martin Brüske, 1.4.2019

Dieser Beitrag wurde unterstützt durch Mittel des Freundeskreises Liturgisches Institut.

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