TauetLiedimpuls 20 - Mit allen Sinnen: Rorate, Tauet!

"Tauet, Himmel, den Gerechten,

Wolken regnet ihn herab!"
rief das Volk in bangen Nächten,
dem Gott die Verheissung gab,
einst den Mittler selbst zu sehen


und zum Himmel einzugehen:
denn verschlossen war das Tor,
bis der Heiland trat hervor.

 

Katholisches Gesangbuch 303

 

Es ist unüberhörbar: Die Advents- und Weihnachtszeit ist eine singfreudige Zeit. Die Bandbreite geht vom begeisterten "... des geht der Mund über" bis hin zur verklärt-romantischen und manchmal auch portemonnaie-öffnenden Gefühlsduselei, die übrigens so schlecht gar nicht sein muss. Ein Wort findet bei verschiedenen Adventsliedern eine grosse Aufmerksamkeit: "Tauet", lateinisch "Rorate".
Das Verb "rorare" beinhaltet das Tauen, wie auch den durststillenden Tropfen. Sehnsüchtig erwartet bereits der Prophet Jesaja den "Gerechten" aus nicht nur tropfenden, sondern gar aus sich ausregnenden Wolken (siehe Jes 45,8). In einem anderen Adventslied wird Christus selbst zum unmissverständlichen Handeln aufgefordert: "Heiland, reiss die Himmel auf", "Reiss ab, Tor und Tür", "Im Tau herab, o Heiland fliess" (KG 302). Starke Bilder - so auch im hier besprochenen Lied, das in den drei Strophen des Jesuiten Michael Denis (1729-1800) den ganzen Bereich von Sehnsucht, Verkündigung bis hin zu Weihnachten umschreibt.
Die zweihundert Jahre alte Melodie von Josef Gratz aus München, ist in der deutschsprachigen Schweiz überaus beliebt. In Deutschland greift man meist auf eine ältere Melodie zurück, der aber scheinbar weniger Erfolg beschieden ist, wird sie doch lediglich in einzelnen diözesanen Liedanhängen publiziert. In der Schweiz fand das Lied bereits im 19. Jahrhundert Gefallen, so trifft man es später gleichzeitig auch in den deutschschweiz-umfassenden Gesangbüchern "Cantate", "Laudate" und "Orate".
Mit "Rorate" verbinden wir heute die dunkle Morgenfrühe, Schneeknirschen, Adventslieder, Kerzenlichter, Kinderaugen, Kirche und meist das gemeinsame, von den Kirchgemeinden gesponserte Frühstück. Rorate weckt Emotionen und schafft Erlebnisse, die so fass- und begreifbar werden. Mit allen Sinnen feiern und glauben, gemeinsam Kirche sein. Rorate bereitet damit "sinnvoll" den Weg für die Menschwerdung Gottes, die im Kleinen beginnt: im träufelnd-fliessenden Tau.

 

Martin Hobi

 

Melodie aus dem Katholischen Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz, aber mit etwas anderem Text

Text aus dem Katholischen Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz, aber mit anderer Melodie