Dreifaltigkeitskirche Bern thumbLiedimpuls 14 – Gott konfrontieren

"Sei hier zugegen, Licht unseres Lebens. ...
Sei hier zugegen, damit wir leben.
Sei hier zugegen, stark wie ein Feuer. ...
Sei du uns gnädig und hab Erbarmen.
Sei unser Atem, sei Blut in den Adern.
Sei unsere Zukunft, sei unser Vater."

 

Katholisches Gesangbuch 804

 

Fragezeichen sind selten im Kirchenlied. In der «Litanei von der Gegenwart Gottes» gibt es gleich zwölf. Das ist kein Zufall, denn sein Dichter, Huub Oosterhuis, nimmt die Fragen unserer Zeit auf. In achtzig Anrufungen bedrängt er Gott mit Fragen, Appellen, Sehnsüchten.
Im niederländischen Original ist nach dem Text eine Bibelstelle vermerkt: Exodus 33,18 – Mose ruft zu Gott: «Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!» Gott aber zeigt sein Angesicht nicht, er legt Mose die Hände auf die Augen. Aber er lässt seine Herrlichkeit an Mose vorbeiziehen, der an einem Felsspalt steht.
Eine uralte Sehnsucht: Gott sehen und wissen, was wir nur mühsam glauben können. Mit Rufen nach dieser Unmittelbarkeit beginnt die Litanei: „Sei hier zugegen, Licht unseres Lebens. Sei hier zugegen in unsrer Mitte. Lös unsere Blindheit, dass wir dich sehen. Mach unsre Sinne wach für dein Kommen. Zeig deine Nähe, dass wir dich spüren.“ Nach Gott kann der Mensch nicht greifen, ihn nicht festhalten. Der Nahe ist zugleich fern. Nährboden für Zweifel und angesichts des Grauens über das, was Menschen Menschen antun – in dieser Zeit die Flüchtlingskrise oder Terroranschläge rund um die Welt – die Frage: «Oder bist du, o Gott, kein Gott der Menschen?» Wer Gott mit dieser Frage konfrontiert, setzt voraus, dass er noch da ist. Dann soll er sich auch zeigen. So erklingt in den letzten Strophen gleich dreimal der Ruf: «Wie lange müssen wir noch auf dich warten?» Das ist die Sprache der Psalmen. Der Beter hat Gott früher als einen erfahren, der bei den Menschen ist. Deshalb kann er, wie auch die Menschen, die diese Litanei singen, an Gott appellieren: «Sei unser Friede. ... Sei du die Zukunft. ... Gib neues Leben.» Ohne Gottes Angesicht gesehen zu haben, bleibt die Zuversicht in sein Handeln den gemeinsam Singenden doch erhalten: «Auf dich vertrauen wir, auf den Lebendigen.» Wenn die darauf folgende letzte Zeile noch einmal eine Frage stellt – «Könntest du jemals Vertrauen enttäuschen?» – folgt mit dem Verklingen der Melodie die Stille, in der jede und jeder seine eigene Glaubensantwort hinzufügen kann.

 

Gunda Brüske

 

Vollständiger Text und Hörprobe (niederländisch)