Jesus an der Ruhr thumbFronleichnam/Herrgottstag

„Die wahre ‚Monstranz' Christi - das sind wir alle."

An Fronleichnam feiern Katholiken ihren Herrgott in der Eucharistie - wie bei jeder Messe. Zweimal im Jahr nähern sie sich diesem Geheimnis in besonderer Weise.

Offen angesprochen und im Zeichen verborgener Sinn

In vielen Varianten sagt die Liturgie an diesem Tag: Der, der einst mit den Jüngern am Abend vor seinem Tod Mahl gehalten hat, der feiert heute mit uns. Und gleichzeitig: Der, der uns einst zum himmlischen Gastmahl um seinen Tisch sammeln will, der legt jene himmlische Speise schon heute auf den Altartisch in unserer Mitte. Die Gegenwart des vergangenen und zukünftigen Geschehen im Augenblick der Feier spricht die Liturgie an diesem Tag einmal denkbar knapp aus: „O heiliges Mahl, in dem Christus unsere Speise ist: Gedächtnis seines Leidens (Vergangenheit), Fülle der Gnade (im heute), Unterpfand der künftigen Herrlichkeit (Zukunft). Halleluja."
In der Sequenz Lauda Sion/Deinem Heiland, deinem Lehrer umkreist sie diesen dreifachen Zeitsinn der Eucharistie beständig. Die Feiernden hören im Tagesgebet: Christus hat uns im Sakrament des Altares, also im Sakrament der Eucharistie, das Gedächtnis seines Leidens und seiner Auferstehung so hinterlassen, dass es uns heute zur Frucht der Erlösung werden will. Den irdische Augen nicht sehen können, der will sich doch im verwandelten Brot kosten lassen. Auch das spricht die Sequenz an: Was irdischen Augen verborgen bleibt und was der Glaube dennoch erkennt, das ist die Gegenwart Christi in der Eucharistie. Scheinbar paradox fordert die Sequenz die singend Betenden deshalb auf: "Seht das Brot, die Engelspeise!" Das ist Geheimnis in unausschöpfbarer Tiefe. Das lässt sich nicht öffentlich demonstrieren. Die Hoffnung, der Freude oder der Friede, die Christen aus diesem Geheimnis schöpfen, lässt sich aber sehr wohl zeigen.

Vom Hohen Donnerstag zum 2. Donnerstag nach Pfingsten

Vom Beginn des Festes an wurde der Zusammenhang mit dem Ursprungsereignis durch die Wahl des Tages zum Ausdruck gebracht: Wie am Abend des Hohen Donnerstags des letzten Mahles Jesu als eines hier und jetzt für uns wirksamen Ereignisses gedacht wird, so wird auch Fronleichnam an einem Donnerstag gefeiert. Doch warum erst am zweiten Donnerstag nach Pfingsten? Vom Ostersonntag bis Pfingsten feiert die Kirche nicht nur wie im Märchen Prinz und Prinzessin 7 Tage und 7 Nächte Hochzeit, sondern 7 mal 7 Tage plus 1 Tag bricht sie angesichts der Auferstehung Jesu in Jubel aus. Das ist Hoch-Zeit schlechthin, in die keine anderen Hochfeste fallen, denn Christi Himmelfahrt gehört ja zu Ostern und Pfingsten und steht ganz in dieser Festfreude. Als das Fronleichnamsfest entstand, wurde – anders als heute – nach Pfingsten noch einmal 7 Tage lang Pfingsten gefeiert. Der erste freie Donnerstag für ein eigenes Fest der Eucharistie war also der zweite Donnerstag nach Pfingsten. Auch wenn zwischen dem Hohen Donnerstag und Fronleichnam also ganze neun Wochen liegen, sind sich die beiden Tage liturgisch denkbar nah.

Geschichte

Entstanden ist das Fest im Mittelalter. Als die Gläubigen die Kommunion nur noch sehr selten empfingen und doch voll tiefen Glaubens die Eucharistie verehrten, trat an die Stelle des Essens zunehmend der Wunsch, Christus in der Hostie zu sehen. Die Hostie wurde deshalb nach der Wandlung erhoben und schauend von den Christen verehrt. Im Schauen ernährten sie sich geistlich.
Das ist auch der spirituelle Background der Augustinernonne Juliana von Lüttich (1193-1258). In mehreren Visionen sieht sie eine glänzende Mondscheibe mit einer dunklen Stelle. Sie und ihre Beichtväter erkennen darin die weisse Hostie und deuten die dunkle Stelle als Fehlen eines eigenen Festes zu Ehren der Eucharistie. So wurde zunächst in der Diözese Lüttich das Fronleichnamsfest eingeführt. Als ein hoher Würdenträger aus Lüttich zum Papst wird, führt er als Urban IV. im Jahr 1264 das Fest für die ganze Kirche ein. Es setzt sich jedoch zunächst nur an wenigen Orten durch.

Abstimmung mit den Füssen: Prozessieren

Das Sitzen in der Kirche ist ein neuzeitliches Phänomen. Vorher bewegte man sich frei im Kirchenraum und auch im Raum um die Kirche: Prozessionen in der Stadt, um die Stadt oder zu den Feldern waren nicht selten. So gab es die Flurprozessionen, bei der in den vier Himmelsrichtungen der Wettersegen erteilt wurde. Ende des 13. Jh.s hören wir zum ersten Mal von eucharistischen Prozessionen am Fronleichnamstag. Sie verbindet sich mit der beliebten Flurprozessionen und steigert so die Verbreitung des Fronleichnamsfestes. Die herkömmlichen vier „Altäre" der Prozessionen stammen also von den vier Himmelsrichtungen der Flurprozession. Als in der Reformationszeit eine heftige Kontroverse um die Eucharistie entsteht, wird das Fest der Eucharistie katholischerseits um so festlicher begangen. Die Prachtentfaltung der Prozession und damit die Öffentlichkeitswirkung erreicht einen Höhepunkt. Das ist die andere Art der Abstimmung mit den Füssen! Die Fronleichnamsprozession wird zum spezifischen Konfessionsmerkmal.

Demonstration des Katholischen?

Der demonstrative Charakter der Fronleichnamsprozession hat sich lange gehalten, bis über die Mitte der 50er Jahre des 20. Jh.s. Gesellschaftliche Veränderungen und theologisches Weiterdenken haben die äussere Gestalt der Prozession verändert. An manchen Orten entfiel sie auch ganz. Welchen Sinn aber kann man dieser „Demo" heute geben? In den Freiburger Nachrichten schrieb der Diakon Franz Allemann bereits am 24. Mai 1989:
„Mit dieser ‚Demonstration' wollen wir zum Ausdruck bringen, dass eine christliche Gemeinde stets aus der Tischgemeinschaft mit Jesus Christus lebt, sich dabei nicht in sicheren Behausungen ‚einkuschelt' und das ‚Lebensbrot' für sich alleine behält und aufbewahrt. Nein – die pilgernde Kirche braucht stets die Nähe zu allen Menschen, die unterwegs sind auf der Suche nach Lebenssinn, nach Freiheit, Gesundheit, Frieden und Brot.
Mit der Fronleichnamsprozession wollen wir also immer auch die Nähe Gottes zu uns Menschen heute ‚demonstrieren', bezeugen und so für andere zur Hoffnung werden. Unsere Prozession mit der Monstranz möchte erfahrbar machen: Wir sind und gehen den Weg durch die Zeit als Kirche, als Gemeinschaft, die alle einlädt und allen zuruft: ‚Kommt und seht, wie gut der Herr ist! Die wahre ‚Monstranz' Christi – das sind wir alle, die an ihn glauben und mit ihm unterwegs sind."

Gunda Brüske

 

Stichwort

  • Fronleichnam aus: fron=Herr + lichnam=Leib, also: Herrenleib
  • Name im Messbuch: Hochfest des Leibes und Blutes Christi
  • gefeiert am 2. Donnerstag nach Pfingsten
  • Einführung des Festes 1264 durch Papst Urban IV.
  • prägendes Merkmal für das katholischste aller Feste: öffentliche Prozession mit dem Allerheiligsten

Wider-Worte

„Viele – Musiker, Kommunionkinder, Bannerabordnungen der Vereine – sind eigentlich nicht richtig motiviert, sondern ‚ziehen es durch'! Aber auch sonst macht Fronleichnam (schon das Wort!) viele Fragen und Probleme."

Aus einer Umfrage aus dem Jahr 2002

Brauchtum

78531620638919772785

An vielen Orten heisst das Fest auch „Unser Herrgottstag". Zur traditionellen Feier gehören Böllerschüsse, Männer in Uniform und Frauen in Trachten, Blasmusikkapellen und natürlich Feldaltäre. Eine Besonderheit ist die Seeprozession in Meggen: Nach der Feier der Messe besteigen die Gläubigen Schiffe, die Nauen, und fahren nach Hintermeggen. Von dort ziehen alle in Prozession zur alten Pfarrkirche St. Magdalena.

Geistlicher Impuls

„Es ist der grosse Schmerz des Menschen, der mit der Kindheit beginnt, dass Schauen und Essen zwei verschiedene Tätigkeiten sind. Die ewige Seligkeit ist ein Zustand, in dem Schauen Essen ist."

Simone Weil (1909-1943)

Lesetipp

Guido Fuchs, Fronleichnam. Ein Fest in Bewegung. Regensburg: Pustet 2006

Musik

Neue, singbare Übersetzung des Pange lingua

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