Gebetsanrede

Frage: Die übliche Anrede des Gebetes in Gottesdienst geht an Gott Vater. Jesus Christus wird selten direkt angesprochen. Warum? Könnte zum Beispiel in der eucharistischen Anbetung Jesus Christus direkt angesprochen werden?

 

Antwort: In der Tat sind die liturgischen Gebete, vor allem die Orationen der römischen Liturgie, an Gott Vater gerichtet, durch Christus im Heiligen Geist. Nach altkirchlicher Lehre ist Christus Mittler zwischen Gott und den Menschen (vgl. Hebr 7,25). An Christus gerichtet sind in der Liturgie vor allem Akklamationen (Kyrie, Deinen Tod o Herr ..., Agnus Dei u.a.) und Gesänge (Psalmen). Lieder können auch an den Heiligen Geist gerichtet sein (z.B. die Pfingstsequenz Veni sancte spiritus).

Als Gegenreaktion zum Arianismus, der die Gottgleichheit Jesu Christi leugnete, begann man aber schon früh, Gebete (ausser das Hochgebet) auch direkt an Christus zu richten, zunächst im Osten und in Gallien, erst viel später auch in Rom. Zum Teil geriet – vor allem in der Volksfrömmigkeit - das Menschsein Jesu aus dem Blick (so dass Maria und andere Heilige in die Mittlerfunktion rückten). Ob ein Gebet an den Vater oder den Sohn gerichtet ist, zeigt sich häufig erst in der Schlussformulierung, da die Anrede „Herr" oder „Gott" für den Vater und den Sohn möglich ist. Das Messbuch gibt drei Schlussformeln zur Auswahl (S. 333, für Tagesgebet und entsprechend für andere Orationen), darunter eine Formel für den Fall, dass das Gebet an Christus gerichtet ist: „Der du in der Einheit des Heiligen Geistes mit Gott dem Vater lebst und herrschest in alle Ewigkeit".

Das Tages- und das Schlussgebet an Fronleichnam sind explizit an Christus gerichtet. Das Tagesgebet wird häufig auch vor dem eucharistischen Segen genommen. Es steht also nichts im Weg, in der eucharistischen Anbetung Christus direkt im Gebet und Gesang anzusprechen. Die Handreichung der Liturgischen Institute zur Eucharistieverehrung „...bis du kommst in Herrlichkeit" (2005) enthält zahlreiche an Christus gerichtete Gebete.

 

Josef-Anton Willa (28.05.2014)