Musik

Kirche sein in symphonischer Gemeinschaft

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Kirche sein in symphonischer Gemeinschaft

wie MusikEinschwingen - Musik als Medium des Willkommens

Eine Welt ohne Musik wäre trostlos. Mit musikalischem Klang gewinnt sie gleich mehr als eine Dimension dazu. Sie bringt etwas in uns zum Schwingen. Sie lässt uns einschwingen in das, was wir im Gottesdienst feiern. Thomas A. Friedrich nähert sich in Stufen der Musik als Medium des Willkommens im Gottesdienst.


A. Musik als Mittel zum Zweck in der säkularen Welt – einige Beispiele

Musik in der Werbung: Jingles
Ein Jingle (englisch für ‚Bimmeln‘, ‚Klimpern‘) steht für die kurze einprägsame Erkennungsmelodie eines Radio- oder Fernsehsenders, einer bestimmten Sendung, eines Werbeclips, etc. Als Sound- oder Audio-Logo stehen sie für ein bestimmtes Produkt und wecken direkte Assoziationen.

  • "Nichts nützt dem Staat so wie die Musik." (Molière, Der Bürger als Edelmann 1671)
Musik in Kaufhäusern: Hintergrundmusik, Dauerberieselung
Musik, die uns beim Einkauf begleitet, ist zur Normalität geworden. Sie wirkt suggestiv und soll uns ein angenehmes Gefühl und Frohgestimmtheit vermitteln, was die Bereitschaft zum Stöbern und schließlich zum Einkauf erhöht. Dies ist in verstärktem Maße in der vorweihnachtlichen Zeit erfahrbar.
  • "Im Wesen der Musik liegt es, Freude zu bereiten." (Aristoteles 384 - 322 v. Chr.)
Musik im öffentlichen Raum: Nur keine Panik!
Betreten wir eine Arztpraxis, einen Fahrstuhl, oder sonstige uns fremde Räume, dann fühlen wir uns gleich wohler, wenn dort sanfte Musik zu hören ist. Musik spricht uns unmittelbar an, baut Stress ab und wirkt beruhigend. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat festgestellt, dass unser Gehirn beim Singen nicht in der Lage sei, Angstgefühle zu mobilisieren, weshalb viele Leute beim Gang in den Keller ein Liedchen trällern oder pfeifen. Selbst das schlichte Hören von Musik scheint beim Menschen gewisse Grundängste zu blockieren.
  • "Es schwinden jedes Kummers Falten, solang des Liedes Zauber walten." (Friedrich von Schiller, Die Macht des Gesanges 1795)
Musik im Film: Durchaus auch Panik!
Es gibt so gut wie keine modernen Filme ohne Musik. Mit Musik können Stimmungen und Situationen vorbereitet werden, bevor sie im Bild sichtbar sind. Berühmtes Beispiel ist das hohe Geigenspiel in Thrillern oder Horrorfilmen, wenn Gefahr aufkommt. Ansonsten ist die Filmmusik so vielfältig wie die Menschen, die sie komponieren. Meist werden Stimmungen durch die Musik verstärkt, manchmal aber auch ins Gegenteil verkehrt.
  • "Musik ist ein reines Geschenk und eine Gabe Gottes, sie vertreibt den Teufel, sie macht die Leute fröhlich und man vergisst über sie alle Laster." (Martin Luther 1483 - 1546)
Musik zur Entspannung: Vogelgezwitscher und Meeresrauschen
Für Masseursalons und Beautyfarms sind sie ein Muss, die CDs mit Entspannungsmusik, sphärischen Klängen und Musikmantras, die oft auch mit Aufnahmen aus der Natur verbunden sind: Streicherklänge zu Meeresrauschen, Harfenmusik mit dezenten Urwaldgeräuschen, Klavierklänge mit Vogelgezwitscher. Sie bewirken bei vielen Menschen eine tiefe Entspannung, und sie erleichtern das gedankliche und körperliche "Loslassen" während einer Massage oder Behandlung.
  • "Die Musik hat eine wunderbare Kraft, in einer unbestimmten Art und Weise die starken Gemütserregungen in uns wieder wach zu rufen, welche vor längst vergangenen Zeiten gefühlt wurden." (Charles Darwin 1809 - 1882)

B. Musik als Mittel zum Zweck in der spirituellen Welt

Ganz grundsätzlich unterliegt die geistliche Musik den gleichen Kriterien, wie in der säkularen Welt: Sie möchte Stimmungen erzeugen, Emotionen wecken und den Menschen für eine bestimmte Botschaft empfänglich machen.
Wenngleich sich die Kirchenmusik von der weltlichen Musik aufgrund ihrer Entwicklung aus dem gregorianischen Choral und ihrer speziellen Färbung (Chorgesang, Orgelklänge) unterscheidet, gab es zu allen Zeiten eine große Schnittmenge zur weltlichen Musik.
Sobald die Musik nicht mehr mit Text verbunden ist, ist es oftmals unmöglich zwischen geistlicher und weltlicher Musik zu unterscheiden. Dies gilt vor allem für den Bereich der "klassischen Musik".
  • "Wer sich die Musik erkiest, hat ein himmlisch Gut gewonnen; denn ihr erster Ursprung ist von dem Himmel selbst genommen,
    weil die lieben Engelein selber Musikanten sein." (Martin Luther 1483 - 1546)
Musik in Religionen: Heimat stiftend
Jede Religion hat ihren eigenen Musikstil entwickelt. Diese Melodien wirken Gemeinschaft stiftend, und bringen ein "religiöses Gen" zum Schwingen, sofern dies von Kindheit an mit dieser Musik vertraut wurde. Nicht nur beim Essen gilt: man liebt, was man kennt.
(Mir sagte einmal ein erwachsener Kirchgänger, von Beruf Arzt: Er sei nicht fähig ein neues Kirchenlied zu lernen, er könne nur das mitsingen, was er als Kind gehört habe.)
  • "Ich brauche sie nicht daran zu erinnern, wie wichtig die Musik ist, weil sie die höchsten Gefühle, deren der Mensch fähig ist, zu erzeugen und zu unterstützen vermag." (Johann Heinrich Pestalozzi, Briefe. An Greaves am 18. Februar 1819)
Musik im Gottesdienst: Vielfältige Funktionen
Die Rubriken im Gesangbuch bringen es zum Ausdruck: neben 16 funktionalen Rubriken zwischen Eröffnung und Entlassung, finden sich viele thematische Rubriken innerhalb des Kirchenjahres und schließlich auch emotionale Rubriken im Spannungsfeld zwischen Trost/Trauer und Lob/Dank.
  • "In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen." (Hildegard von Bingen 1098 - 1179)
Musik als Herausforderung: Musik kann den Geist anregen und erregen
Wenngleich für viele Menschen Kirchenmusik "schön" sein muss, hat sie auch einen zweiten Auftrag: die christliche Botschaft zu transportieren und zu interpretieren. Diese Botschaft ist manchmal sehr herausfordernd und liegt zum Mainstream gänzlich quer. So auch die Musik, die mit ungewohnten Harmonien, Dissonanzen und Querständen gegen die "Hörgewohnheit" zu spielen und im besten Sinne aufzurütteln vermag und herausfordern will.
  • "Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen." (Victor Hugo 1802 - 1885)
Musik als kulturelles Erbe: Altes pflegen und Neues wagen
Die Konzilsdokumente fordern eindeutig dazu auf, "den Schatz der Kirchenmusik zu bewahren und zu mehren" (Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils, Artikel 121). Dass damit einerseits nicht nur Mozart- oder Haydn-Messen und andererseits Taizé-Lieder gemeint sind, liegt auf der Hand. Oft fehlt leider schlichtweg das Know-How für Neues.


C. Musik als Medium des Willkommens in kirchlichen Feiern

Wann wirkt Musik einladend? Wann wirkt Musik abschreckend? Diese Fragen lassen sich nicht universell beantworten, aber man kann sich annähern, sofern die Rahmenbedingungen bekannt sind: Wo und wann findet die Musik statt? Was ist der genaue Anlass?
Welche Zielgruppe wird erwartet? Eine Kleinkinderfeier zum Martinsfest ist etwas anderes als ein Patrozinium mit Orchestermesse, Solisten und Chor. Eine Taufe im kleinen Rahmen ist etwas anderes als ein Pfarreifest mit Gottesdienst im Freien, Apéro und Grilladen.
  • "Was ziehen Sie vor - Musik oder Wurstwaren?" (Erik Satie 1866 - 1925, französischer Komponist und Pianist)
Eine große Mehrheit der Menschheit taxiert Musik nicht nach ihrem inneren (kompositorischen) Wert, sondern nach akustischen und emotionalen Kriterien: Musik ist laut oder leise. Musik ist fröhlich oder besinnlich. Musik ist schnell oder langsam. 
Mit diesen sechs Beschreibungsmerkmalen kann man auf einfache Weise unter Beachtung der Rahmenbedingungen die oben gestellten zwei Fragen beantworten: Für einen Gottesdienst am Pfarreifest werde ich eher auf laute, schnelle und fröhliche Musik setzen als auf langsame, besinnliche und leise Klänge. Diese wiederum werde ich bei einem ökumenischen Abendgebet bevorzugen. Wann also fühle ich mich musikalisch willkommen geheißen? Sicherlich dann, wenn Raum, Anlass, Zielgruppe und Musik eine Einheit bilden.
  • "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum." (Friedrich Wilhelm Nietzsche, aus: Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert, 1889)
Vordergründig verstehen wir unter "Musik als Medium des Willkommens" jene Musik, der wir am Anfang einer Feier zuerst begegnen, also dann, wenn ein Anlass offiziell beginnt. In einem normalen Gottesdienst wäre dies das Orgelspiel zum Einzug oder spätestens das Lied zur Eröffnung.
Ganzheitlich gesehen ist aber alle Musik während einer Feier jenes Medium, das uns jederzeit aufs Neue "Willkommen heißt", uns durch die Feier geleitet, uns in unterschiedliche emotionale Stimmungen versetzen will und uns am Ende in (hoffentlich) etwas verwandelter Form in unseren Alltag entlässt, in dem das Erlebte positiv nachklingen und weiterwirken soll.
Im Folgenden soll nun der Blick fokussierend auf den Beginn einer liturgischen Feier gelenkt werden. Hierbei ist grundsätzlich zu beachten, dass eine solche Feier nicht erst mit dem Kreuzzeichen des Liturgen beginnt, sondern bereits dann, wenn sich die Gläubigen versammeln, denn "wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Mt 18,20)

D. Praktische Möglichkeiten für eine musikalische Willkommenskultur bei einer liturgischen Feier

Unabhängig von der Art der Feier, wird der Beginn immer dann gelingen, wenn die sich Versammelnden zu innerer Ruhe geführt werden und ein erstes Gemeinschaftsgefühl erleben.
Dies kann mit Musik auf verschiedene Arten erreicht werden. Alle Beispiele beziehen sich nun auf die Zeit vor dem "offiziellen Startpunkt", also etwa 10-15 Minuten vor der veröffentlichten Gottesdienstzeit. Bis dahin müssen alle Vorbereitungen im Altarraum abgeschlossen sein (Kerzen angezündet, Bücher bereitgelegt, Mikrofone gesteckt, etc.), sodass während dieser Einstimmung keine Geschäftigkeit und kein Geläuf mehr im Altarraum vor sich geht.

1. Gathering Music
An manchen Orten findet an Heiligabend vor der Christmette eine kleine musikalisch-konzertante Einstimmung statt. Dieses Prinzip kann auch auf den normalen Sonntagsgottesdienst ausgeweitet werden, dass etwa die Gläubigen mit sanftem Orgel- oder Klavierspiel empfangen werden. Der englische Begriff "Gathering Music" fasst dies als "Musik zum Versammeln" zusammen.

2. Playback
Wo dazu fähige Musiker Mangelware sind, könnte das unter 1.) beschriebene Konzept auch durch das Abspielen geeigneter Musikstücke von einer CD über die Lautsprecheranlage erfolgen. Etwa der zum Sonntag passende gregorianische Choral, dezente klassische Musik oder besinnliche Melodien aus dem Sacro Pop (z. B. Hillsong).

3. Warm Up
Singendes Hinführen in die Besonderheiten der Feier: Indem wir auf neue Melodien hinweisen und diese sogleich auch miteinander Üben, oder den Ablauf eines Kanons besprechen und ausprobieren, werden die sich Versammelnden zugleich aktiviert wie auch einbezogen. Da der Singanimator (Kantor, Vorsänger) auch die Möglichkeit hat, ein paar erklärende Worte zum "Wieso und Warum" der neuen Lieder zu sagen, bieten sich zusätzliche Chancen, Ängste und Abwehrhaltungen gegenüber Neuem abzubauen und die Neugier zu locken. Vieles hängt hier vom Charisma des Singanimators ab!
  • "Schon ein ganz kleines Lied kann viel Dunkel erhellen." (Franz von Assisi 1182 – 1226)
4. Taizé en Miniature
Die repetitive Musik aus Taizé oder ähnliche Stücke eignen sich bestens als Musik zum Versammeln. Wer neu hinzukommt, findet schnell hinein – er wurde möglicherweise bereits am Eingang per Handschlag begrüßt und hat ein Liedprogramm mit Noten erhalten, wenn der Text oder die Noten nicht per Beamer projiziert werden.
Wenn neben dem Organisten oder Pianisten noch weitere Instrumente und Solisten bei dieser Einstimmung mitwirken, so ist das von Vorteil. Eventuell kann derselbe Gesang später bei der Kommunion oder an anderer Stelle in der Feier wiederholt werden und so eine Brücke schaffen.
  • "Die Musik löst alle Rätsel des Daseins." (Leo Tolstoi 1828 - 1910)
Wird die Gottesdienstgemeinschaft in obiger oder ähnlicher Weise zusammengeführt, dann kann dies für die letzten 2-3 Minuten vor dem Glockenschlag in eine "erfüllte Stille" münden, die dann mehr ist als das bloße Abwarten des Einzuges.
Eine Variante: An besonderen Festtagen kann ein längeres "Festliches Orgelpräludium" die sich Versammelnden auf den Festanlass einstimmen und (gut getimt) mit seinen letzten Takten gleichzeitig die Musik zum Einzug darstellen.

Thomas A. Friedrich, Kirchenmusiker und Komponist
13.11.2019
Liturgisches Institut
der deutschsprachigen Schweiz
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