Sonnenaufgang Brueske thumbDie Nacht ist vergangen (Serie Gedenkjahr 3)

Die Morgendämmerung ist ein ganz spezieller Moment am Tag. Es ist die Zeit, wach zu werden. Das Lied von Silja Walter zieht eine Parallele zum christlichen Leben. Im Singen dieser zwölf kurzen Zeilen geschieht etwas.


 

Das LIed (GL 83)

Die Nacht ist vergangen,
wir schauen erwartend den steigenden Tag
und grüssen dich, Christus.

Schon lockt uns die Taube,
wir horchen, verlangend zu folgend dem Ruf
unseres Herrn und Christus.

Die Nebel entweichen
im Glanze der strahlenden Klarheit und Kraft
des kommenden Christus.

Wir loben den Vater
und preisen im Geiste die Sonne des Heils:
den herrlichen Christus.

Zunächst fällt die ungewohnte Form des Liedtextes auf. Statt der üblichen vierzeiligen Strophen sind es hier jeweils drei Zeilen, wobei die mittlere doppelt so lang ist wie die erste und dritte Zeile. Zusammengehalten werden die Strophen durch das Wort "Christus" am Ende jeder Strophe. Wir haben hier einen formal eigenwilligen und zugleich schlichten Hymnus vor uns.
Er wird im kirchlichen Morgenlob, den Laudes, gesungen, und hat im neuen Gotteslob (2013) unter den Morgenliedern Eingang gefunden (GL 83). Die Melodie stammt aus dem Antiphonale zum Stundengebet (1979).

Der frühe Morgen

Das Lied nimmt das Naturereignis der Morgendämmerung auf und deutet sie auf das Christusereignis hin. Es setzt ein mit der klaren Ansage: Die Nacht ist vergangen. Mit den gleichen Worten beginnt der Bibelvers Röm 13,12 in der Übersetzung von Martin Luther: "Die Nacht ist vergangen, der Tag aber herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts." Felix Mendelssohn zitiert den Vers in einem Satz seiner Sinfoniekantate "Lobgesang" op. 58.
Auch Jochen Klepper knüpft im Adventslied an Röm 13,12 an: "Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern" (KG 310). Der Zeitpunkt ist jedoch ein anderer als im Hymnus von Silja Walter: Während es dort immer noch Nacht ist und nur der Morgenstern auf den kommenden Tag hinweist, ist es hier schon hell, auch wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist und der Morgennebel noch über den Feldern liegt.

Wendepunkt christlicher Existenz

Beschrieben wird also jener kurze Moment am frühen Morgen bei Tagesanbruch unmittelbar vor dem Aufgehen der Sonne. An einem solchen entscheidenden Wendepunkt (Kairos) spielt sich auch das christliche Leben ab: Seit Christus erschienen ist, sind wir, die Gläubigen, die diesen Hymnus singen, nicht mehr Kinder der Finsternis, sondern Kinder des Tages (vgl. 1 Thess 5,5). Wir leben bereits in der Heilszeit, auch wenn sie noch verborgen, umnebelt ist, und wir erwarten in jedem Augenblick das zweite Kommen Jesu Christi. Wir sollen uns darum nicht ängstigen, sondern uns aufrichten und das Haupt erheben (vgl. Lk 21,28). Theologisch spricht man von der Zeit des "Schon-und-noch-nicht". Sie erzeugt eine Spannung, die von den Gläubigen wachsame Präsenz in der Welt, im Hier und Heute, erfordert. Die Aufmerksamkeit geht mit der Schärfung der Sinne einher, wie eine parallele Wendung in Strophe 1 und 2 zeigt: "Wir schauen erwartend – wir horchen, verlangend". Silja Walter nennt diesen Augenblick der noch verborgenen Gegenwart Christi in einem anderen Gedicht das "unsichtbar schimmernde Jesusjetzt".

Die Zeit der Taube

Diese spannungsvolle Zeit der Erwartung und des Übergangs ist die Zeit der Taube (2. Strophe). Dreimal lässt Noah sie aus der Arche ausfliegen, bis sie schliesslich Land findet (Gen 8,8-12). Als Symbol des Heiligen Geist wirbt sie um uns, weckt die Sehnsucht in uns und ruft uns auf, Christus als unserem Herrn entgegen zu gehen. Die Textfassung im Gotteslob ersetzt an dieser Stelle der 2. Strophe der besseren Singbarkeit wegen "unser Herr" mit "Kyrios" und bezieht sich dabei auf eine spätere Fassung des Liedes von Silja Walter selbst.
Wie die Morgendämmerung und das Aufgehen der Sonne, so ist das Erscheinen Christi ein erhebendes Schauspiel, das wir staunend erwarten. Dafür stehen in der dritten Strophe starke, klangvolle Worte: Glanz, Klarheit, Kraft.

Die Stunde kommt und ist schon da

Der Hymnus ist liturgischer Gesang. Wie alle Hymnen des Stundenbuches, die von Silja Walter stammen, steht er in der "Wir"-Form: Die Gemeinschaft der Kirche steht vor Gott. Ausserdem mündet der Gesang in die Doxologie, den Lobpreis auf den dreieinen Gott. In der vierten und letzten Strophe des Hymnus ist nicht mehr vom "kommenden", sondern vom "herrlichen" Christus die Rede. Singend nimmt die liturgische Gemeinde den endgültigen Anbruch des Tages vorweg. In der Liturgie haben wir zeichenhaft bereits Anteil an der himmlischen Liturgie und stehen in lobpreisender Anbetung schon vor der Herrlichkeit Christi, der Sonne des Heils. In einer späteren Fassung des Hymnus wechselt Silja Walter in die Ich-Form. Gleichzeitig fügt sie jeder Strophe die Zeile hinzu: "im Geist und in der Wahrheit". Sie schreibt dazu: "Für mich ist das das Wesen der Liturgie". Liturgie ist Anbetung im Geist und in der Wahrheit gemäss den Worten Jesu an die Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4,23): "Die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit."

Josef-Anton Willa, 19.6.2019

Dieser Beitrag wurde unterstützt durch Mittel des Freundeskreises Liturgisches Institut.