Musik

Kirche sein in symphonischer Gemeinschaft

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Ernst Barlach Der Fries der Lauschenden Die Taenzerin 1931 thumbEr fasste nach mir … (Serie Gedenkjahr 5)

Als ihre persönliche Programmansage und als ihr autobiographischer Ausdruck darf Silja Walters Gedicht «Die Tänzerin» interpretiert werden. Es gehört zu den Gedichts-Meditationen, die sie im Jahre 2002 zu Ernst Barlachs Figurenzyklus «Fries der Lauschenden» schuf. Der Schweizer Komponist Carl Rütti setzte es in Musik um.



DIE TÄNZERIN

Er fasste nach mir
im sprungleichten
Kreisen
und Wirbeln -
vogelleicht flog ich
in seine Hand –
und stand.

Seid still,
ich muss lauschen.
Wer ist,
der mich will?
Er hat mich gefunden,
gebunden.

Jetzt tanzen dafür
die Sterne in mir.

Grundlage Fries

Begeistert vom «feurigen» wie «tanzenden» Werk Silja Walters und von Carl Rüttis berührenden Kompositionen trug ich im Jahre 2001 zeitgleich beiden Personen eine Bitte vor. Es sollten kurze Texte, mit der Absicht, diese für einstimmigen Chor und Orgel zu vertonen, geschaffen werden. Die thematische Grundlage dazu würde der von Ernst Barlach in den Jahren 1930 bis 1935 geschnitzte, neunteilige «Fries der Lauschenden» bilden, der mich bereits während Jahren beeindruckte. Nur einen Tag nach der Anfrage, schrieb die mir bis anhin persönlich unbekannte Schriftstellerin zurück: «Ich bin nicht sicher, ob ich Ihrem Wunsch entsprechen kann». Dennoch - kurz danach traf ihre erste Fassung ein und der ihr bislang unbekannte Fries packte und inspirierte sie so sehr, dass sie sich weitere Entwicklungen bis hin zu liturgischen Feiern vorstellen konnte. Nach einem anregenden Briefwechsel und wenigen Treffen im Fahr blieb sie bei der Erstfassung, die ich als einen genialen, wohl recht spontan hingeschriebenen «Wurf» empfinde. Die Gesamtausgabe gibt diese neun Gedichte lediglich in einer späteren Fassung wieder.

Stehender Tanz

Es lohnt sich, Barlachs Fries vor Augen zu führen oder noch besser, dem «Ernst Barlach Haus» in Hamburg einen Besuch abzustatten. Barlachs Tänzerin überrascht: Sie «tanzt» nicht, jedenfalls nicht so, was man dies von einer Tänzerin erwarten würde. Sie steht mit gekreuzten Beinen, völlig ruhig da. Auf ihren Zehen stehend, wirkt sie schwebend leicht. Ihren etwas zur Seite geneigten Kopf umfasst sie mit beiden Händen, ihre Augen sind geschlossen, sie lauscht wie in sich hinein.

Tanz nach innen

In Silja Walters Werk ist der Tanz und das Bild des Tanzens zentral. Sie bleibt ihrem Lebensthema denn auch bis zum letzten geschriebenen (posthum publizierten) Satz vor ihrem Tode verbunden: «[…] - es ist hart für Dich und hart für mich, jetzt zu tanzen.» Ihr kurzes Gedicht aus dem Fries erzählt vom Erfasst-werden, vom Gerufen-sein und Gebunden-sein(!). All dies führt hin zum Erfüllt-werden, zum Erfüllt-sein und zur neuen Freiheit der in ihrem Innern tanzenden Sterne. So wirkt der Gesichtsausdruck der Barlach-Tänzerin denn auch durchaus anmutig-behaglich zugleich aber auch hellwach nach Innen hörend. Walter schreibt ein Berufungsgedicht. Allerdings nicht von irgendeiner Berufung, sondern – davon bin ich überzeugt – von ihrer eigenen Berufung. Sie schreibt von ihrem eigenen Ruf ins Kloster, wo die örtliche Stille und Abgeschiedenheit sie zu den tanzenden Sternen, zu ihrem neuen Lebensinhalt führt. Ich vermute, dass Schwester Hedwig, so ihr Klostername, in der Figur Barlachs in bester Weise sich selbst dargestellt findet.

Kongeniales Dreigespann

Carl Rütti vertonte kurz darauf die neun inspirierenden Meditationen höchst eindrücklich und wirksam. In der Tänzerin setzt er ihr wirbliges Kreisen, ihr vogelleichtes Ankommen, ihr waches Stillestehen, ihr inneres Hören sowie die tanzenden Sterne musikalisch bildhaft um. Rütti hatte bereits mehrfach Erfahrung in der kompositorischen Umsetzung von Texten Silja Walters. Zuvor entstanden das «Baarer Weihnachtsoratorium» (1991), das Oratorium «Verena, die Quelle» (1995), die «Exodus-Messe» (1996), der «Solothurner Kreuzweg» (2001), u.a. Die Uraufführung des «Fries der Lauschenden» erfolgte im Herbst 2003. Barlach, Walter und Rütti verbinden sich im Fries zum kongenialen Dreigespann. In etwa zur gleichen Zeit packten Walter und Rütti eine weitere Zusammenarbeit an. Thema war das Mysterienspiel «Haus der neuen Schöpfung» zur Gründungsgeschichte des Klosters Ingenbohl. Die Uraufführung fand im Jahre 2006 statt. Überrascht stellte ich fest, dass Silja Walter das (nun wenig veränderte) Fries-Gedicht gegen den Schluss des Spiels ein weiteres Mal verwendete. Die eingangs tanzend-zertrampelnde Salome wird hier zur erfüllt-tanzenden Magdalena des Ostermorgens, wobei sie im anschliessenden tanzenden Stillestehen eine weiterführende Dimension mit den nun in ihr tanzenden Sternen erlebt.

Martin Hobi, 22.10.2019


Hinweis:
Silja Walters «Die Tänzerin» kann in der Vertonung von Carl Rütti auf Youtube abgerufen werden.
Ausführende sind das Badener Vokalensemble mit Carl Rütti an der Orgel. Die Leitung hat Martin Hobi.


Dieser Beitrag wurde unterstützt durch Mittel des Freundeskreises Liturgisches Institut.

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