Musik

Kirche sein in symphonischer Gemeinschaft

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Kirche sein in symphonischer Gemeinschaft

800px Autograph Mohr Stille Nacht thumbO! Das Lächeln des Kindes als Offenbarung (KG 341, GL 249)

Nur Kitsch, Kommerz und Stimmung? Was für eine Theologie steht hinter "Stille Nacht"? Beschäftigt man sich mit dem Ursprung, gerät man schnell ins Staunen. Eine Weihnachtsgabe zum Jubiläum der „Uraufführung“ von „Stille Nacht“ am 24.12.1818

Es ist wohl auch ein Verdienst des Hohenzollern Friedrich Wilhelm IV., des Romantikers auf dem Preussenthron, dass mit dem erfolgreichsten Weihnachtslied aller Zeiten die Namen von Komponist und Dichter verbunden sind. Der König liebt „Stille Nacht“. Im gemessenen, würdevollen 3/2-Takt, im vierstimmigen Choralsatz und a capella gehört es Mitte des Jahrhunderts bereits zum Repertoire des Berliner Hof- und Domchors. Aber es hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich verändert. Am Anfang stehen nicht 3/2, sondern ein 6/8-Takt, ruhig, aber schwebend und leicht, sizilianisch und pastoral; stehen zwei solistische Männerstimmen (und einer der Sänger begleitet improvisierend auf der Gitarre); stehen sechs Strophen und nicht drei, die überdies in Melodieführung und Text erhebliche Abweichungen aufweisen gegenüber der Fassung, die wir alle im Ohr haben - ob wir es mögen oder nicht. Und nicht zuletzt: Auch auf Grund der menschlichen Bescheidenheit von Dichter und Komponist hat sich das Lied binnen kürzester Zeit anonymisiert. „Volkstümlich“ oder „aus Tyrol“ steht in älteren Drucken. Beides geradezu falsche Spuren, die sich über den Rezeptionsweg erklären.

Der König also liebt das Lied, so wie es sich bereits durchgesetzt hat. Und er lässt nachforschen: Das Salzburger Land ist der Ursprung und zwar Oberndorf auf der rechten Seite der Salzach, das Datum der „Uraufführung“ der 24. Dezember 1818, der Komponist der Lehrer, Organist und spätere Chorregent Franz Xaver Gruber und der Dichter der Hilfspriester Joseph Mohr.

1995 ist zum bestehenden, recht komplexen Quellenbestand - die früheste Fassung von 1818 ist wohl verloren - eine weitere, äusserst aufschlussreiche, sehr frühe Fassung (erste Hälfte 1820er Jahre) aus der Hand von Joseph Mohr aufgetaucht. Sie ist sehr sorgfältig angefertigt, weil sie offensichtlich zur Weitergabe bestimmt ist. Die Gitarrenbegleitung - wie gesagt: ursprünglich wohl improvisiert - ist ausnotiert, ansonsten zwei solistische Stimmen und eben sechs Strophen Text. Dabei sind höchst erhellend die semantischen Akzente, die Mohr durch Interpunktion und durch den Wechsel von deutscher und lateinischer (hier: kursiv) Schreibschrift setzt. Sie lassen eine klare theologische Linie erkennen. - Und jetzt wundert man sich vielleicht: Hat denn dieses abgedroschene, abgenudelte, abgenutzte Lied eine Theologie - und nicht nur ein wenig und dazu vielleicht fragwürdiges Sentiment? Ja, hat es, Theologie und nicht nur ein wenig Stimmung - blickt man auf die sechs Strophen in ihrer ursprünglichen Fassung. Und schaut man genauer hin, wird aus der Verwunderung Staunen. Keine grosse Lyrik, aber eine theologisch erstaunlich dichte Fügung über die Epiphanie der Menschenfreundlichkeit Gottes im Lächeln des Kindes.

Weynachts-Lied

Stille Nacht! Heil‘ge Nacht!
Alles schläft, Einsam wacht
Nur das traute heilige Paar
Holder Knab‘ im lockigten Haar;
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

Stille Nacht! Heil‘ge Nacht!
Gottes Sohn! O! wie lacht
Lieb aus Deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund;
Jesus! In Deiner Geburth!
Jesus! In Deiner Geburth!

Stille Nacht! Heil‘ge Nacht!
Die der Welt gebracht;
Aus des Himmels goldenen Höh‘n,
Uns der Gnade Fülle lässt seh‘n:
Jesum in Menschengestalt!
Jesum in Menschengestalt!

Stille Nacht! Heil‘ge Nacht!
Wo sich heut alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder Huldvoll umschloss
Jesus die Völker der Welt!
Jesus die Völker der Welt!

Stille Nacht! Heil‘ge Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreyt,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhiess!
Aller Welt Schonung verhiess!

Stille Nacht! Heil‘ge Nacht!
Hirten erst kund gemacht
Durch der Engel „Hallelujah!“
Tönt es laut bei Ferne und Nah:
„Jesus der Retter ist da!“
„Jesus der Retter ist da!“

(nach Autograph Mohr, Salzburg, Museum Carolino Augusteum)

Was beobachten wir in Schriftbild, Textgestaltung und Fassung? Mohr verwendet konsequent den Jesusnamen dort, wo spätere Fassungen „Christ“ haben! Bei der ersten Verwendung ist er durch ein mitten in die syntaktische Fügung eingesetztes Ausrufezeichen sehr deutlich hervorgehoben. Am Ende ist die Hervorhebung erweitert: „Jesus der Retter ist da!“ erscheint insgesamt in lateinischer Schreibschrift.

Einen ganz eigenen Akzent weist aber vor allem die Zeile auf, die klassisch zu jenem immer wieder Heiterkeit auslösenden, notorischen Kinderverhörer geführt hat: „Mama, wer ist eigentlich dieser Owi?“ Der Verhörer beruht gerade auf der Verschleifung der Silben: Aus „Oh wie“ wird der geheimnisvolle „Owi“. Bei Mohr bestimmt das Ausrufezeichen dagegen das „O“ mit deutlichem Akzent zur staunenden Interjektion. Und dies führt uns mitten hinein in die Theologie des Liedes, die, wenn man so will, eine Theologie der Interjektion ist.

Denn die Interjektion zeigt ein Ereignis an. Ein Ereignis das ganz und gar menschlich und zugleich mehr als menschlich ist: Im Lächeln und Lachen dieses Kindes wird die Menschenfreundlichkeit Gottes plötzlich gestalthaft sichtbar. Es wird durchsichtig auf den gütig zugewandten absoluten Grund der Welt. Im Lächeln ereignet sich Epiphanie!

Diese Epiphanie aber deutet den so akzentuiert hervorgehobenen Jesusnamen. Jesus ist der Retter, durch den der Vater rettet, die schont („Schonung“ - was für ein wunderbares, zärtliches Wort!), die Schonung eigentlich nicht verdient haben: Jeschua - Jahwe rettet, ist Helfer, Retter. In Jesus ist das „da“, ist er da, ist das Rettungshandeln des Vaters offenbares Ereignis geworden, jetzt, als Jesus in seiner Geburt der Welt sichtbar wird. Ich gestehe: Ich staune und bin berührt über diese Verbindung einer ganz schlichten, unmittelbar zugänglichen Krippentheologie mit solcher Tiefe, die zugleich darin aufscheint!

Mohr weiss dabei offensichtlich genau, was er tut: Jesus ist die menschengestaltige Fülle und Sichtbarkeit der Gnade Gottes („Uns der Gnade Fülle lässt seh‘n: Jesum in Menschengestalt!). Noch erstaunlicher: Für Mohr ist das unmittelbar politisch konnotiert. Die in Jesus erscheinende väterliche Liebe Gottes schenkt uns in ihm den universalen Bruder, der in seiner Huld die Völker der Welt umfängt. Das ist 1816 - aus dem Autographen wissen wir, dass der Text schon zwei Jahre vor der Vertonung durch Gruber in Mariapfarr entstanden ist - gesagt, unmittelbar nach dem Ende der napoleonischen Kriege, die eine der Brutstätten des modernen Nationalismus darstellen! Erstaunlich aktuell in Zeiten des neo-nationalistischen und identitären Wahnsinns!

Es wäre noch vieles zu sagen (etwa über die Anspielungen auf Texte der Liturgie), aber zum Schluss noch ein Blick auf die rahmenden Strophen! Vorweg: In der Mohr‘schen Fassung gibt es kein „hochheiliges“ Paar (für die Rezeptionsgeschichte ist diese Umtextung ziemlich wichtig; aber das lassen wir jetzt). Und: Der „lockigte“ Knabe entspringt nicht einem fatalen Hang zu sentimentalem Kitsch, sondern spiegelt einfach den ikonographischen Typus der Darstellung des Jesuskindes, wie er im süddeutsch-österreichischen Raum in Mittelalter und Barock häufig anzutreffen ist, so auch beim Wallfahrtsbild von Mariapfarr und in den Filialkirchen für die Mohr zuständig war. Hier spiegelt sich also einfach, was Mohr vor Augen hatte, als er dichtete.

Nun aber: Die Rahmenstrophen sind bestimmt vom Kontrast „still“ und „laut“, der in der Schlussstrophe durch die Wiederholung der Eingangszeile zum Paradox wird. Zunächst jedoch bereitet die erste Strophe die zweite vor: Alles schläft, auch das Kind, nur seine miteinander vertrauten Eltern sind wach und nehmen deshalb gemeinsam wahr. Dies ist der poetisch inszenierte Rahmen der Aufmerksamkeit, innerhalb dessen das Lächeln bzw. Lachen des Kindes zum Ereignis mit Offenbarungsqualität wird - eben abgesetzt und als Ereignis gekennzeichnet durch die Interjektion „O!“.

Der Rahmen von erster und sechster Strophe spiegelt aber insgesamt die narratologische Strategie der lukanischen Kindheitserzählung: Ein ganz stilles, verhülltes Ereignis bekommt seine letzte Qualität, indem der Himmel über ihm aufgeht. Mohr verdichtet poetisch, was dazwischen liegt: Wie im Lächeln des Kindes die Güte Gottes erscheint, die in der Tiefe der Zeiten schon immer gewaltet hat und die jetzt menschengestaltig in Jesus alle zur Bruderschaft verbindet.

Wie wäre es? Haben sie nicht Lust an diesem Weihnachten einmal mit Ihren Lieben diese Fassung mit den Strophen zu singen, wie sie erstmals erklangen am Heiligen Abend in Oberndorf an der Salzach vor zweihundert Jahren? Und nicht vergessen: 6/8-Takt - leicht, zart, sizilianisch, schwebend - eben wie das Lächeln eines Kindes.


Martin Brüske (22.12.2018)

Zum Anhören: Annäherung an frühe Version mit 6 Strophen

Zum Anhören: Version mit Chor und Gitarre

Liturgisches Institut
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