Praxis

Kirche sein mit aktiver Beteiligung

Praxis

Kirche sein mit aktiver Beteiligung

Kathedrale Fribourg 2020Welche besondere gottesdienstliche Erfahrung der Ostertage 2020
möchten Sie mit anderen teilen? (Serie 1)

Diese Frage haben wir Personen aus unterschiedlichen Regionen der Deutschschweiz, kirchlichen Berufsfeldern und Lebenszusammenhängen gestellt. Das Ergebnis: Pluralität von Feierformen und spannende Erfahrungen.
Bis Pfingsten befragen wir jeweils andere Personen. Nächste Woche: Privat? Wie beurteilen Sie Feiern hinter verschlossenen Türen in Kommunitäten, Kirchen, privatem Wohnraum?

Abendmahlsszene

Von den drei österlichen Tagen bleibt mir das Letzte Abendmahl am Gründonnerstag am eindrücklichsten in Erinnerung. Die Feier im ganz kleinen Kreis hatte etwas Ernstes, Feierliches, Denkwürdiges, Tiefes, Inniges, aber auch etwas Melancholisches an sich. Bilder von dieser Abendmahlsszene aus «Des hommes et des dieux» huschten durch meinen Kopf: im Angesicht des Todes – und heiter, festlich zugleich. Vielleicht auch deshalb, weil ich den Film in Schweige-Film-Exerzitien gesehen habe. Diese innere Stille prägte gleichsam den Gründonnerstag: Für einmal waren Gedanken an die Dramaturgie, an die Ministranten, an den Sakristan oder die Choreinsätze vollkommen überflüssig. Das Wesentliche zu feiern, auch für mich persönlich, am Tag der Priester, fiel leichter.
In der Osternacht half die Gewissheit, dass per Livestream eine virtuelle Gemeinde mit uns verbunden war: «Selig, die nicht sehen, und doch glauben», erhält bei Übertragungen eine ganz andere Bedeutung.

Pfarrer Daniel Rotzer, Pfarrei Glis-Gamsen-Brigerbad VS

Familien-Fusswaschung

Drei Minuten mitten im Lärm unserer lebendigen Familie. Drei Minuten, in denen es auch nicht aufgeräumter war als sonst, weil die Zeit fürs Staubsaugen und Geschirrspülmaschine-Ausräumen mal wieder nicht gereicht hatte. Drei Minuten, die uns verändert haben und nach denen wir den ganzen Abend lang nur noch alles teilen wollten (Brot, Eier, Zeit, Spiele, ...). Schon am Mittwochabend bei der konkreten Planung gab es die ersten schönen Momente: Wer wäscht wem die Füsse? Elia will Papis Füsse waschen. Wir machen ab, dass er als letzter dran ist, weil er dann sehen kann, wie es die anderen machen, und er macht uns ja momentan so gerne alles nach. Dann die Frage an mich: Und du, Mami: Wem willst du die Füsse waschen? Ich zögere und entscheide mich für unseren ältesten Sohn, den Sechsjährigen, von dem ich mich so oft herausgefordert fühle und dem ich doch eigentlich gerne viel öfter zeigen würde, wie lieb ich ihn habe. Ich bin unsicher, wie er reagieren wird – und dann überwältigt von seinem lächelnden «Ja!» und dem Glänzen in seinen Augen dabei. Ich spüre, er hat verstanden, was ich ihm mit dieser Wahl sagen möchte. Er entscheidet sich für seinen jüngsten Bruder, und unser Mittlerer entscheidet sich für mich – auch das macht mich glücklich. Am Gründonnerstagabend, im Garten, mit der alten Kinderbadewanne sind es nur drei Minuten. Drei Minuten zwischen Brot backen, Tisch decken und dem feinen Nachtessen mit Sirup aus den schönen Gläsern. Drei Minuten, in denen wir das Evangelium vom Reich Gottes mit Händen und Füssen spüren, uns davon aus dem Trott reissen und mitreissen lassen. Beim Nachtessen brennen unsere Taufkerzen.

Christiane Schubert, Fachbereich Migrantenseelsorge im Bischöflichesn Ordinariat St. Gallen

Ein Funke Osterfeuer

Anders als sonst haben unsere Jungs (18/20/22) im Garten des Pfarrhauses, in Erinnerung an das sonst übliche Osterfeuer vor der Kirche, mit viel Lust ein Feuer entfacht. Damit haben wir dann die Osterkerze in der Kirche entzündet. Als Zeichen unseres Hoffens auf Kraft und Trost für alle, die das jetzt besonders brauchen, als Zeichen unseres Glaubens, dass das Licht stärker ist als die Dunkelheit, dass nach dem Karfreitag immer Ostern kommt und Christus auferstanden und da ist, «wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind», haben wir im Pastoralraum die Menschen eingeladen beim Hören der Glocken in der Osternacht ein Licht – ein Funke Osterfeuer ins Fenster zu stellen. In der Familie haben wir uns vor dem gemeinsamen Abendessen mit den Grosseltern via WhatsApp-Video verbunden. Das IPhone ging von Hand zu Hand und so wünschte jede*, in seiner* Art, kurz mit Wort und Geste, den Menschen in der Quarantäne, Kraft und die Hoffnung von Ostern. Danach am Tisch stimmten wir uns ein mit dem Text unseres Freundes, Wilhelm Bruners «als er sich von seinen freunden verabschiedete (…) gab er ihnen seinen langen atem»- den nahmen wir mit ins Anstossen «löchaim – «uf’s Läbe» in Erinnerung an die, die jetzt auch mit uns am Tisch sitzen - aber anders.

Thomas Villiger-Brun, Fachbereich Pastoral Römisch-katholische Landeskirche des Kantons Luzern

Oster Orgelgruss

Zusammen mit meinem Organistenkollegen Nicola Cittadin der reformierten Kirchgemeinde Hinwil liessen wir am Ostersonntag einen besonderen Gruss aus «unseren» beiden Kirchtürmen erklingen. Während rund 20 Minuten spielten wir aus den beiden leeren Kirchen österliche Orgelwerke, die live auf die mit Lautsprecher ausgerüsteten Kirchtürme übertragen wurden und so im 600-Meter-Dialog über ganz Hinwil erschallten. Der Ostergruss, der feierlich mit der frühkirchlichen Fanfare «Christ ist erstanden» eröffnet wurde, war auch ein musikalischer Dank für die Menschen, die in ausserordentlicher Zeit für andere da sind. Die Turmmusik, eine vor wenigen Jahren in Olten erstmals erprobte Form, wurde auch in Hinwil – nun wegen Corona vorwiegend bei offenen Fenstern, auf Balkonen, im Garten und bei Spaziergängen – von der Bevölkerung äusserst dankbar aufgenommen. Die Glockentürme präsentierten sich in ihrer ureigensten Aufgabe als Verkündiger einer Botschaft. Das Zusammenspiel von zwei Kirchen, zwei Organisten, zwei Konfessionen, den österlichen froh gestimmten Orgelwerken sowie auch der sensibilisiert-musikalischen Vertonung der Bitte «Herr, bleibe bei uns» geriet nicht nur zum höchst beeindruckenden Ostererlebnis – sondern auch zum mutmachenden Ostergottesdienst inmitten grassierender Corona-Zeit.

Martin Hobi, Organist der kath. Kirchgemeinde Hinwil, Dozent für Kirchenmusik, Redaktor "Musik und Liturgie" 

Stille

Seit sieben Tagen fahre ich täglich um 17.30 Uhr mit dem Velo von Ürikon nach Stäfa, um um sechs Uhr die Osterkerze anzuzünden, unsere zwei Glocken fünf Minuten läuten zu lassen, um dadurch mit den Menschen in Stäfa, die ebenfalls zu Hause eine Kerze anzünden, eine Verbindung zwischen dem Haus Gottes und der Wohnung der Menschen aufzubauen.

In diesem an sich kurzen Prozess mache ich eine prägende Erfahrung der Stille. Schon auf dem Weg nach Stäfa ist der sonst vorhandene Lärmpegel, welcher sonst durch Autoverkehr, Gartenarbeiten oder spielende Kinder entsteht, kaum vorhanden. Eine ungewöhnliche Stille. In der Kirche ist kein Mensch. Stille. Dann die Glocken, die ihre fröhlichen und einladenden Töne über die Häuser verteilen. Und doch ist die Stille in der Kirche, im verdichteten Raum des Gebetes, in diesen Tagen eine andere. Hier scheint eine Kraft zu herrschen, die zum inneren Gespräch einlädt. Im Raum der Kirche entsteht ein Gefühl, welches sehnsuchtsvoll nach einem Gegenüber sucht.

In diesem Moment verfestigt sich der Gedenke eines ICH-DU-Verhältnisses. Sobald in der Stille sich die ersten Worte des Gebetes bilden, fühlt man ein DU im Raum der Stille. Eine Erfahrung des Gebetes in der Stille ist die Sehnsucht der Wiederkehr. Im stillen Raum der Kirche hallen die vielen Gottesdienste nach, die hier früher stattgefunden haben, die vielen Gebete und Gespräche der Gläubigen mit Gott. Man fühlt eine spirituelle und herzerwärmende Dimension. Am Ende meines kurzen Verweilens in der Kirche lösche ich die Osterkerze und schreite im Mittelgang durch die stille Kirche hinaus auf die stillen Strassen von Stäfa und Ürikon.

Robert Klimek, Diakon, Pfarreibeauftragter ad interim Katholische Pfarrei Stäfa 

Stand 23.4.2020

Liturgisches Institut
der deutschsprachigen Schweiz
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