Praxis

Kirche sein mit aktiver Beteiligung

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Kirche sein mit aktiver Beteiligung

gestreamter GottesdienstWas leisten gestreamte Gottesdienste in der Corona-Krise und was nicht? (Serie 3)

Lesen Sie Feedbacks im O-Ton und Statements von Personen, die in unterschiedlicher Rolle mit gestreamten Feier zu tun haben: als Vorsteher, Lektorin, Kirchenmusikverantwortliche, Kameramann ...

Nächste Woche wird es in der Serie Meinung um Hausgebet und Hauskirche gehen.


Feedback im O-Ton 

«Ich bin dabei zu Hause. Hoffe Coronavirus bald fertig ist. Ich freue mich, wenn ich wieder Mal in der Kirche St.Peter und Paul besuchen kann.», «Dankeschön für die heilige Messe und für die wunderbare Worte 🙏❤️🙏», «Es war wieder ein sehr schöner Gottesdienst! Danke!» «Gesegneten Sonntag an die ganze Gemeinde! Vielen Dank für das Feiern dieses Gottesdienstes und das herforragende aufnehmen mit Liedertexten und allem!», «Der Gottesdienst hat mich sehr berührt. Nun gehe ich gestärkt , voll Vertrauen in den Tag. Danke !», «Der Gottesdienst mit Dr. Stewen war sehr würdig und hat Mut gemacht! Besonders gut habe ich gefunden, dass aus Hygienegründen auf das Kommunizieren verzichtet wurde und alle Beteiligten (physisch An- und Abwesende) gleichermassen auf die communio spiritualis verwiesen waren.», «Wunderbare Predigt ❤️. Dankeschön 🙏🙏🙏», «Liebe Leiter und Mitarbeitende: Wieder durften wir in unserer Familie alle gemeinsam die Heilige Messe aus St. Peter und Paul live miterleben, mitfeiern. Mir ist dabei aufgegangen, dass wir schon mehr auf Jesus ausgerichtet werden, wenn die Gemeinschaft mit den anderen Gläubigen wegfällt. Es kann uns also tiefer zu IHM hinziehen, so kommt es mir vor. Ich danke auch herzlich für die wunderbare Predigt. Ich wünsche Euch viel Freude Herzen. Niemand kann uns diese Freude nehmen wenn wir sie uns nicht nehmen lassen :-).»

Auswahl aus Postings zur gestreamten Eucharistiefeier in St. Peter und Paul Zürich

Gestreamte Gottesdienste sind keine Einbahnstrasse ...

Ich will aufgrund meiner Erfahrungen «hinter der Kamera» in vielen gestreamten Gottesdiensten zweierlei festhalten: Gestreamte Gottesdienste ersetzen Gottesdienste nicht, in denen sich Kirche vor Ort konkret versammelt. Erfahrbare Gemeinschaft, das Zunicken zur Begrüssung, das gegenseitige Sehen und Hören (und nicht nur Lesen), das gemeinsame Singen, die Dialoge zwischen Vorstehenden und Mitfeiernden in Gesten und Worten, der Nachbar links und die Nachbarin vor mir in der Bank, das Einander-Anblicken, der Friedensgruss, die gemeinsame Prozession zur Kommunion, der Blick zum Abschied, usw., das alles kann virtuell auf dem Bildschirm nicht ersetzt werden. Und dennoch: Gerade mit den Möglichkeiten heutiger Technik gestreamte Gottesdienste sind nicht nur Sendung aus dem Kirchenraum in die Wohnzimmer (wie es leider Fernsehgottesdienste sind). Es wird nicht nur gesendet, sondern auch empfangen (s.o. "Feedback im O-Ton"). Es kommen Rückmeldungen und entstehen – auf facebook und via Email – Dialoge, die teilweise stärker ins Bewusstsein treten als im «gewöhnlichen» Gottesdienst, wahrscheinlich, weil sie schriftlich stattfinden und nicht – wie sonst – überwiegend implizit (einfach durch das Da-Sein) oder nonverbal. Einen Gottesdienst streamen muss keine Einbahnstrasse sein! Auch ein auf diese Art gefeierter Gottesdienst kann tätige Teilnahme ermöglichen und diese Teilnahme auch erfahrbar machen, und zwar nicht nur durch die fünf «stellvertretend» physisch anwesenden Personen im Kirchenraum.
Ich bin für beide Erfahrungen dankbar: Für die Sehnsucht nach Gottesdiensten, die wieder in grosser Gemeinschaft und physischer Begegnung gefeiert werden können. Und für diese Erfahrung von Gemeinschaft und Teilnahme jenseits von körperlicher Gegenwart im Kirchenraum.

Martin Conrad, Liturgisches Institut und Mitarbeiter Pfarrei St. Peter und Paul, Zürich

Hier finden Sie den ausführlichen Erfahrungsbericht

Ja der Kirchenchor ...

In unserer Region wird täglich ein Gottesdienst über Regionalfernsehen und als Livestream über Internet gesendet, reihum vorbereitet von den verschiedenen Seelsorgeteams.
Den Mitfeiernden zuhause schöne Musik zur Besinnung zu liefern, ist einfach zu organisieren, sei es mit anwesenden Musikern oder über abgespielte Stücke ab Tonträger. Schwieriger ist es mit dem Gemeindegesang. Die Lieder werden in der Messe angesagt, in der Hoffnung, die Menschen an den Bildschirmen haben ein Kirchengesangbuch zur Hand und singen mit. Das ist fürs Erste gut.
Für die Osterfeier für Familien erstellten wir ein Liedblatt, das wir im Vorfeld per E-Mail über Pfarreien verteilen liessen und auf verschiedenen Internetseiten zum Herunterladen bereitstellten. So konnten wir Lieder aus verschiedenen Quellen auswählen, von denen wir annahmen, dass sie nicht nur in der eigenen Pfarrei den Kindern und Eltern bekannt sind, oder zumindest leicht mitzusingen.
Vorderhand werden meist sehr bekannte Lieder ausgewählt, um das Mitfeiern zu erleichtern – auf lange Sicht eine Einschränkung. Im KG, im „rise up plus“ und weiteren Liederbüchern gibt es viele schöne Lieder, die entdeckt werden möchten. Dazu braucht es eine geduldige aber beharrliche Einführung; in „normalen“ Zeiten kann der Kirchenchor dazu Unterstützung bieten.
Ja der Kirchenchor, der fehlt allen Sängerinnen und Sängern ganz grässlich und – ich hoffe mal – nicht nur ihnen! Das Gemeinschaftserlebnis, das der (Kirchen-)Gesang bietet, fehlt zurzeit schmerzlich. Darüber tröstet auch kein noch so berührendes Orgel- oder Gitarrenstück hinweg.

Bettina Gruber, Pastoralassistentin in Freiburg und Co-Leiterin der Fachstelle Kirchenmusik Deutschfreiburg

Ich habe wirklich konkrete Menschen vor Augen

Ich bin dankbar, dass ich als Priester in dieser Zeit - trotzdem - Gottesdienste feiern kann, für mich ganz persönlich, für andere und - so empfinde ich es - auch mit anderen. Wir erhalten viele Rückmeldungen zu den Gottesdiensten per Mail und jetzt auch wieder in Begegnungen auf der Strasse. Das heisst: Ich fühle mich sehr verbunden mit diesen Menschen. Der Blick direkt in die Kamera war für mich anfangs sehr seltsam. Mittlerweile weiss ich durch zahlreiche Feedbacks, dass gerade das wichtig ist: Der schaut mich an; ich bin gemeint. Und ich habe wirklich konkrete Menschen vor Augen - auch wenn ich im Moment nur ein technisches Gerät anschaue.
Dass wir uns in der Feier auf fünf Personen beschränken mussten, war vor allem bei den grossen Gottesdiensten in der Heiligen Woche eine richtige Herausforderung. Ich bin sehr dankbar, dass wir trotzdem mit den verschiedenen liturgischen Diensten feiern konnten, leider ohne die Kommunionhelfer/-innen und - meistens - auch ohne Minis. Bei der Gestaltung machen wir grundsätzlich nichts, was wir nicht auch sonst machen. Wir „erfinden“ also keine neuen Zeichen und Rituale oder importieren Liturgien von anderswoher. Wie wir im live-stream feiern, feiern wir auch sonst in der Kathedrale: mit der Prayer-Box, dem Fürbitt-Buch, dem Einbezug von Familien mit ihren Kindern, mit einer sorgfältigen Liedauswahl, dem Zusammenwirken der verschiedenen Dienste und dem Miteinander von Mann und Frau.

Beat Grögli, Dompfarrer Kathedrale St. Gallen

Ministranten gesetzlich nicht zugelassen 

Meine erste, persönliche Antwort auf die Frage, was gestreamte Gottesdienste leisten, war: Ist nichts für mich!
Als ich mich durch die gestreamten, aber auch aufgezeichneten Gottesdienste durchklickte, fühlte ich mich wie eine unbeteiligte Zuschauerin. Die Teilnahme am TV-Anlass vom Sofa aus war nett, aber mehr nicht. Das digitale Erleben kommt nicht an die physische Präsenz. Setting, Stimmung und Gefühl sind anders. Ein Konzert am Fernseher reisst auch nicht gleich mit wie die Live-Musik vor Ort. Ich höre und schaue von aussen zu, aber meine Sinne sind nicht richtig angesprochen.
Auch Kinder und Jugendliche möchten ein Teil vom Geschehen sein und mitwirken. Das ist auch bei vielen der Grund, warum sie ministrieren. In den aktuellen gestreamten Gottesdiensten sind die Ministranten vom Gesetz her nicht zugelassen. Eine Chance dabei ist, dass die Minis den Zuschauern fehlen und vielleicht so wieder neu wahrgenommen werden.
Gestreamte Gottesdienste wecken auch nicht neue Bedürfnisse. Was vorher schon bei einigen keine Bedeutung in ihrer Spiritualität hatte, kommt auch gestreamt nicht besser an. Es gibt andere Versuche, Tools und Möglichkeiten, die sich in dieser Zeit entwickelten, damit Menschen gemeinsam den Glauben auch draussen oder zuhause feiern und vor allem auch im Alltag leben können.
Und wenn wir ehrlich sind, ist die Überschwemmung von digitalen Angeboten so riesig, dass es vielleicht sinnvoller und persönlicher ist, in der leeren Kirche bei einem Gebet ein Kerzli anzuzünden.

Murielle Egloff, Präsidentin DAMP, Stellenleiterin Fachstelle Kinder und Jugend der Landeskirche Thurgau 

Für die Pfarreimitglieder ist es ein Fenster in «ihre» Kirche

In unserer Pfarrei haben wir Ende März auf gestreamte Gottesdienste umgestellt, besonders der Ton war heikel. Ein gestreamter Gottesdienst braucht die volle Aufmerksamkeit aller Beteiligten, da alle liturgischen Dienste nur von drei oder vier Personen ausgeübt werden. Ich bin meist als Lektorin und Ministrantin im Einsatz, unregelmässig als Scholasängerin oder Kantorin. Insbesondere waren die Feiern der Karwoche und Ostern eine grosse Herausforderung.
Der Gesang und die Dialoge sind aus zwei Gründen nicht einfach: erstens singen/sprechen nur etwa zwei Personen und zweitens steht das Mikrofon meist weit weg. Ob eine Handlung als Gruppe oder fast allein ausgeübt wird, ist ein grosser Unterschied – das Getragen-werden der Mitfeiernden fehlt. Doch gerade die Mitfeiernden muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Auch wenn die Kirche leer ist, schaut jemand zu.
Für die Pfarreimitglieder ist es ein Fenster in «ihre» Kirche – wenn auch ein beschränktes. Damit die Lieder daheim mitgesungen werden können, laden wir die Texte auf unsere Homepage hoch. Auch ein Fürbittbuch in der Kirche und ein Online-Fürbittbuch stehen bereit. Die aktuellen Fürbitten werden jeweils im Gottesdienst am Sonntag gelesen.
Die Kamera kann etwas sehr pointiert zeigen, was sonst nicht so wahrgenommen wird. Für die Kreuzwegandacht haben wir die Bilder fotografiert und vergrössert ausgedruckt. Sie standen auf einer Staffelei direkt vor der Kamera und konnten so in Grossaufnahme gezeigt werden.
Wir erhalten viele schöne Rückmeldungen, aber alle sind froh, wenn sie wieder einen «richtigen» Gottesdienst feiern können.

Franziska Widmer, Pfarreiassistentin, Pfarrei Heilige Familie Richterswil / Samstager

Stand 7.5.2020

Liturgisches Institut
der deutschsprachigen Schweiz
Impasse de la Forêt 5 A
CH-1700 Freiburg
Fon: 026 484 80 60
Fax: 026 484 80 69
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