Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

1684px Rembrandt Harmensz. van Rijn The Return of the Prodigal SonAllgemeines Schuldbekenntnis

Schuldbekenntnis: Nur ein störendes Gebet?

Das Schuldbekenntnis am Anfang des Gottesdienstes ist für einige anstössig. Könnte es dennoch einen Sinn haben? Der Artikel macht eine kleine Reise durch Geschichte, Anthropologie und Alternativen, um dieses Gebet zu entdecken.

Beten ist eine Verbindung mit Gott, doch sind einige Gebete, die eine lange Geschichte haben, nicht immer einfach. Das ist der Fall beim Schuldbekenntnis im Bussakt, das auf Latein nach dem ersten Wort des Gebets Confiteor heisst. Warum soll man am Anfang der sonntäglichen Eucharistiefeier mit dem Bekenntnis der eigenen Sünden anfangen? Hat dieses Gebet noch eine Bedeutung? Wäre es möglich, den Bussakt alternativ zu gestalten?

Einen Gottesdienst anders anfangen

Die Antwort auf die letzte Frage kann entlasten. Sie lautet: Ja. Das Deutsche Messbuch sieht am Anfang der Eucharistiefeier drei Formen des Bussaktes vor: Variante A mit Einladung durch den Priester und Schuldbekenntnis; Variante B mit einem Bekenntnis in Gestalt eines kleinen Dialogs zwischen dem Priester und dem Volk; Variante C mit kurzen Anrufungen an Jesus und Kyrie-Rufen («Herr, erbarme dich … Christus, erbarme dich …»). Nur die erste Form enthält das Schuldbekenntnis, die anderen sehen andere Formen des Bekenntnisses eigener Sünden vor wie z. B. ein Busslied. Die für die Feier Zuständigen entscheiden, wie der Bussakt gestaltet wird. Eine Alternative betrifft den sonntäglichen Gottesdienst: Am Sonntag kann ein Taufgedächtnis mit Weihwasser das Schuldbekenntnis ersetzen.
Es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Wenn der Bussakt immer ohne Confiteor gebetet wird, kennen die Gläubigen das Schuldbekenntnis und seine Bedeutung nicht mehr. Doch welche Bedeutung hat es?

Ein liturgisches Erbe

Viele liturgische Elemente gehören seit Jahrhunderten zur katholischen Liturgie. Das gilt auch für ein Bekenntnis der Sünde, das schon in den ersten christlichen Jahrhunderten am Anfang des Gottesdienstes gesprochen wurde. Im Mittelalter entsteht das Confiteor, das lange nur ein Gebet des einzelnen Vorstehers und nicht des Volkes war. Nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) dürfen alle Mitfeiernden das Schuldbekenntnis beten.

Der Mensch in der Tiefe

Wenn das Schuldbekenntnis so tief in der Geschichte verwurzelt ist, wird verständlicher, warum Menschen es nicht sofort mit ihrer Lebenswirklichkeit zusammenbringen. Betrachtet man das Schuldbekenntnis aber aus einer anthropologischen Perspektive, entdeckt man, dass es grundlegende Aspekte des Menschseins anspricht.
Dass der Mensch sowohl gut als auch falsch handeln kann, ist eine Tatsache. Sie wird in vielen menschlichen Bereichen benannt: auf den ersten Seiten der Bibel sowie im Völkerrecht. Oft vergisst man diesen Aspekt. Mit dem Bekennen der Sünden können sich Gläubige dieser Wirklichkeit bewusstwerden oder ein entsprechendes Bewusstsein entwickeln. Es ist auch klar, dass die Kategorisierung der Sünden „in Gedanken, Worten und Werken“ nicht das ganze Spektrum menschlichen Fehlverhaltens abdeckt. Die lateinische Version des Schuldbekenntnisses nennt auch die Unterlassung (lat. „omissione“), was die die deutsche Übersetzung wegstreicht. Aber das Schuldbekenntnis hat nicht das Ziel, jede Sünde bis in das Detail aufzugreifen.
Das Confiteor hat ein anderes Ziel, nämlich den Menschen mit Gott zu versöhnen. Man bekennt die eigene Unzulänglichkeit mit der Absicht, die Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen heilen zu lassen. Wer kann das tun? Im Glauben sagt man ausdrücklich, dass Gott das tut. Er wird im Gebet nach dem Verb «Ich bekenne» als Erster erwähnt, noch bevor die Sünde zur Sprache kommen. Denn ein Gottesdienst ist ein Geschehen zwischen Gott und den Menschen. Gott möchte mit uns feiern und ist bereit, unsere Fehler zu verzeihen.
Verschiedene Religionen zeigen, dass das Bekenntnis der Sünden und die Versöhnung anthropologische Konstanten sind. Zwei Weltreligionen bieten wichtige Beispiele für Rituale der Versöhnung an. Die Juden feiern „Jom Kippur“, ein zehntägiges Fest der Versöhnung, in dem Gott den Juden die Sünden vergibt. Die Muslime feiern die „Berât-Nacht“, in der sie das eigene Verhalten reflektieren und sich miteinander versöhnen, und sie beten zu Allah, den der Koran mit dem schönen Attribut „der Barmherzige“ bezeichnet. Beide Beispiele weisen sowohl auf das Sündenbekenntnis als auch auf die Versöhnung hin. Die Gläubigen sollen sich eingestehen, dass sie etwas Falsches gemacht haben, und so können sie sich mit Gott versöhnen.

Das solidarische Stehen vor Gott

Die Menschen sind im Glauben nie allein, sondern immer mit Himmel und Erde verbunden. Die Gläubigen erfahren das in der Liturgie. Der Theologe Romano Guardini betonte schon vor hundert Jahren, dass die Liturgie ein gemeinschaftliches Geschehen ist. Auch das Confiteor drückt die gemeinschaftliche Dimension des Glaubens aus, in dem Mitfeiernde sofort nach der Erwähnung von Gott ihre Fehler vor den Brüdern und Schwestern im Glauben bekennen. Einige Worte später werden Maria, die Engel und wieder die Brüder und Schwestern im Glauben um Gebet und Unterstützung gebeten. Das Schuldbekenntnis betont die Stärke des Gemeinschaft-Seins; alle Brüder und Schwestern bekennen die eigene Begrenztheit, tragen eine Verantwortung für sich selbst und die anderen und sie dürfen sich als von den anderen unterstützte wissen. Das Confiteor weicht von der individualistischen Verstrickung des heutigen Menschen ab, um die Perspektive „Mit mehreren ist man sicherer“ anzunehmen. Das Schuldbekenntnis erinnert an eine andere Polarität im Leben, nämlich die, mit jemandem mal kurz, mal lang den Weg des Lebens zu gehen.

Die Stellung des Schuldbekenntnisses in der Eucharistiefeier

Eine häufige Frage bezieht sich auf die Stellung des Schuldbekenntnisses im Eröffnungsteil der Eucharistiefeier. Theoretisch kann man auch später den Bussakt beten, wie es z. B. in der Wort-Gottes-Feier der Fall sein kann. Trotzdem hilft ein konkretes Beispiel, den Grund dieser Stellung zu begreifen. Niemand würde mit schmutzigen Händen in das Haus eines Gastgebers oder einer Gastgeberin eintreten. Man würde sich vor gewissen Terminen Zeit nehmen, um nicht nur die Hände zu waschen, sondern auch das ganze Aussehen zu verschönern. In ähnlicher Weise können die Mitfeiernden ihr Dasein am Anfang des Gottesdienstes vor Gott „verbessern“. Niemand würde mit einem Freund ruhig und lang sprechen, wenn die Beziehung zu ihm wegen etwas gestört ist. Man würde sich zunächst mit dieser Person versöhnen und dann tiefer ins Gespräch kommen. Das Gleiche gilt zwischen den Gläubigen und Gott. Er lädt uns zum Fest und zugleich zur Versöhnung mit ihm ein.

Ein altes und aktuelles Gebet

Das Confiteor hat aus den oben erwähnten Gründen noch eine Relevanz. Vielleicht braucht es einfach manchmal eine Erschliessung. Wie die Bischöfe in den ersten Jahrhunderten des Christentums die Homilie verwandten, um den kurz zuvor Getauften die Glaubensinhalte zu erklären, so kann der Priester auch bei passenden Bibellesungen das Schuldbekenntnis in der Predigt auslegen. Schliesslich ist die Bibel der erste Ort, in dem das Bekennen der Sünden und das Streben nach Versöhnung in verbildlichen Erzählungen und Gebeten dargestellt werden. Eine biblische Erzählung kann ein sehr geeigneter Input zur Erschliessung des Schuldbekenntnisses sein.

Davide Bordenca

Ablauf

Bussakt in der Eucharistiefeier

Form A


Brüder und Schwestern,
damit wir die heiligen Geheimnisse
in rechter Weise feiern können,
wollen wir bekennen, dass wir gesündigt haben.

Oder:

Bevor wir das Gedächtnis des Herrn begehen,
wollen wir uns besinnen und bekennen,
dass wir sündige Menschen sind.

Oder eine andere, frei formulierte Einladung.

P.: Wir sprechen das Schuldbekenntnis:
A.: Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen,
und allen Brüdern und Schwestern,
dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe
– ich habe gesündigt
in Gedanken, Worten und Werken –
(Alle schlagen an die Brust.)
durch meine Schuld, durch meine Schuld,
durch meine große Schuld.
Darum bitte ich die selige Jungfrau Maria,
alle Engel und Heiligen
und euch, Brüder und Schwestern,
für mich zu beten bei Gott unserem Herrn.
P.: Der allmächtige Gott erbarme sich unser,
er lasse uns die Sünden nach
und führe uns zum ewigen Leben.
A.: Amen.

Form B

Brüder und Schwestern,
bevor wir das Wort Gottes hören
und das Opfer Christi feiern,
wollen wir uns bereiten
und Gott um Vergebung unserer Sünden bitten.

Oder:

Damit wir
das Gedächtnis des Herrn recht begehen,
prüfen wir uns selbst
und bekennen unsere Schuld
vor Gott und der Kirche.

Oder eine andere, frei formulierte Einladung.

P.: Erbarme dich, Herr, unser Gott,
erbarme dich.
A.: Denn wir haben vor dir gesündigt.
P.: Erweise, Herr, uns deine Huld.
A.: Und schenke uns dein Heil.
P.: Nachlass, Vergebung und Verzeihung unserer Sünden gewähre uns der allmächtige und barmherzige Herr.
A.: Amen.

Die Formen A und B können durch ein Busslied ersetzt werden.

Form C

Bei dieser Form können den Kyrie-Rufen frei formulierte Christus-Prädikationen vorausgeschickt werden.
Die nachstehenden Anrufungen sind als Beispiele zu verstehen.


Zu Beginn dieser Messfeier
wollen wir uns besinnen
und das Erbarmen des Herrn auf uns herab rufen.

Oder eine andere, frei formulierte Einladung.

V.: Herr Jesus Christus,
du bist vom Vater gesandt zu heilen,
was verwundet ist:

V./A: Kyrie, eleison.
A.: Kyrie, eleison.

Oder:

V.: Herr, erbarme dich (unser).
A.: Herr, erbarme dich (unser).

V.: Du bist gekommen, die Sünder zu berufen:
V.: Christe, eleison.
A.: Christe, eleison.

Oder:
V.: Christus, erbarme dich (unser).
A.: Christus, erbarme dich (unser).

V.: Du bist zum Vater heimgekehrt,
um für uns einzutreten:
V.: Kyrie, eleison.
A.: Kyrie, eleison.

Oder:

V.: Herr, erbarme dich (unser).
A.: Herr, erbarme dich (unser).

P.: Der Herr erbarme sich unser.
Er nehme von uns Sünde und Schuld,
damit wir mit reinem Herzen
diese Feier begehen.
A.: Amen.

Kyrie

Falls die Kyrierufe nicht schon vorausgegangen sind, folgen sie an dieser Stelle.

(aus: Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes I, 104-108; Rechte: staeko.net)

Liturgisches Institut
der deutschsprachigen Schweiz
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