Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Christus mit singenden und musizierenden Engeln thumbChristkönig

Wer ist der Herr?

Zur Zeit des Nationalsozialismus und des kommunistischen Totalitarismus leuchteten Idee und Sinn des Christkönigsfestes von 1925 unmittelbar ein: Wer ist der Herr? Christus! Und wer soll heute in dieser Welt das erste und letzte Wort haben?

Liest man die Schrift ihrem literarischen Ablauf entlang, so wird im Buch Exodus die Frage aufgeworfen, wer der Herr Israels sei. In Ägypten ist Israel zu einem grossen Volk geworden. Wer sollte über es herrschen? Der Pharao oder Gott? Darf der Pharao Israel ausbeuten, wie es ihm gefällt, oder muss er es ziehen lassen, damit es in Freiheit Gott dienen kann? Die Entscheidung fällt zugunsten Gottes aus. In Exodus 15,18 heisst es zum ersten Mal in der Bibel: „Der HERR [= Jahwe] ist König für immer und ewig." Gemeint ist, dass der eine Gott Israels einen exklusiven Anspruch auf sein Volk hat, denn er hat Israel aus Knechtschaft und Unterdrückung erlöst (vgl. Exodus 20,2 „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus"). Darum kann es neben ihm keine anderen Götter und Herren mehr geben.

Davidssohn und messianischer König

Der exklusive Anspruch Gottes auf sein Volk wurde immer wieder in Frage gestellt, wie zum Beispiel die Einführung des weltlichen Königtums in Israel zeigt. Israel wollte sein wie alle anderen Völker. Einer von ihnen sollte König sein. Im ersten Buch Samuel 8,7-8 sagt Gott darum: „Mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein. Das entspricht ganz ihren Taten, die sie (immer wieder) getan haben, seitdem ich sie aus Ägypten heraufgeführt habe, bis zum heutigen Tag; sie haben mich verlassen und anderen Göttern gedient."

Der erste König über gesamt Israel und Inbegriff des Königtums schlechthin war David. König David wurde im Laufe der Geschichte derart überhöht, dass sich die Idee eines idealen Königs verselbstständigte. Dieser messianische König (= Messias, Christus, d. h. Gesalbter) aus dem Hause David sollte sein Volk in Zukunft aus jeder Form von Unterdrückung und Fremdbestimmung erlösen und retten. Die liturgische Lesung des Christkönigssonntag von der Salbung Davids (2 Samuel 5,1-3, Lesejahr C) erinnert daran, dass Jesus für Christen dieser von Gott auserwählte Nachkomme Davids ist. Durch ihn wird sich Gott selbst seiner Herde annehmen und die unfähigen Hirten Israels, also seine Könige, wieder ersetzen (vgl. Ezechiel 34, 11-12.15-17 - 1. Lesung im Lesejahr A).

Schöpfer und Allherrscher

Die Bibel kennt aber nicht nur die Wiederherstellung eines idealisierten Königreiches Israel. Im Laufe der Glaubensgeschichte entwickelte sich auch die Vorstellung der universalen Herrschaft Gottes. Gott ist als Erlöser nicht nur der König Israels, sondern als Schöpfer auch der Herr des ganzen Universums. Er ist im wahrsten Sinn des Wortes der Pantokrator, der All-Herrscher, vgl. Jesaja 45,21-22: „Es gibt keinen Gott ausser mir; ausser mir gibt es keinen gerechten und rettenden Gott. Wendet euch mir zu und lasst euch erretten, ihr Menschen aus den fernsten Ländern der Erde; denn ich bin Gott und sonst niemand." Die Herrschaft Gottes erstreckt sich nicht nur räumlich über alle Welt, sie umfasst auch alle Zeiten. Darum ist Gott der souveräne Herr der Geschichte, der das Geschick der Völker und Menschen lenkt.

Jesu Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes

Jesus verkündete den Anbruch der Königsherrschaft Gottes: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15). Er lehrte seine Anhänger auch, um das Kommen des Reiches Gottes zu beten: „Dein Reich komme" (Matthäus 6,10). Seine frohe Botschaft besteht darin, die Gegenwart und Wirksamkeit des anbrechenden Gottesreiches durch seine Predigt anzukünden und durch seine Heilungen und Wundertaten sichtbar zu machen. Weil er der „Sohn" ist (vgl. Matthäus 11,27), hängt das Kommen der Königsherrschaft Gottes an seiner Person. Durch ihn und mit ihm hat Gott seine Herrschaft angetreten und verwirklicht.

Jesus Christus ist der Herr

Die ersten Jünger sahen diesen Anspruch Jesu in der Auferstehung von den Toten bestätigt. Paulus z. B. interpretiert die Auferstehung als Inthronisation Jesu bei Gott: Jesus sei: „eingesetzt als Sohn Gottes in Macht seit/aufgrund der Auferstehung von den Toten" (Römerbrief 1,4). Als zu Gott Erhöhter hat Christus teil an der göttlichen Macht und Herrlichkeit. In einem liturgischen Gesang, den Paulus im Philipperbrief zitiert, sagt er: „Jesus Christus ist der Herr - zur Ehre Gottes, des Vaters" (Philipperbrief 2,11). Die Gottesbezeichnung „Kyrios (= Herr)" der griechischen Bibel wird hier klar auf Jesus angewendet.

Die Übertragung ist umfassend: Wie Gott sich als Erlöser und Retter ein Volk erworben hatte, so hat Jesus ein neues Volk erworben und ist sein König geworden: „Du hast mit deinem Blut Menschen für Gott erworben aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern" (Offenbarung 5,9). Dieses Volk besteht aber nicht aus Untertanen, denn: „Er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern vor Gott, seinem Vater." (Offenbarung 1,6 - 2. Lesung im Lesejahr B)

Das Neue Testament macht auch Schöpfungsaussagen über Christus. „In ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen" (Kolosserbrief 1,16 - 2. Lesung im Lesejahr C). Als Messias und Heiland der Welt hat er Anteil an der königlichen Würde Gottes und ist selber Pantokrator.

Liturgische Texte als Verdichtung biblischer Aussagen

Dieser Überblick über die Heilige Schrift ist nötig, um in den liturgischen Texten des Christkönigsfestes die reichen biblischen Zitate und Anspielungen wiedererkennen zu können:

  • Gott hat Jesus Christus „zum Haupt der neuen Schöpfung gemacht" (Tagesgebet)
  • Gott hat uns berufen, „Christus, dem König der ganzen Schöpfung, zu dienen" – was alle anderen Herrscher in die zweite Reihe rückt und relativiert (Schlussgebet)
  • „Wenn einst die ganze Schöpfung seiner [Christi] Herrschaft unterworfen ist, wird er dir, seinem Vater, das ewige, alles umfassende Reich übergeben: das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens." (Präfation mit einer Anspielung auf 1 Korinther 15,24-28: 2. Lesung im Lesejahr A)

Die Präfation spricht davon, dass sich die Königsherrschaft in Zukunft vollenden wird („wenn einst ..."). Dadurch macht sie deutlich, dass die Frage, wer der Herr sei, letztlich schon beantwortet ist. Allerdings muss das Bekenntnis zu Christus, dem Herrn über Raum und Zeit, bis zum Ende der Zeiten immer wieder vernehmbar gemacht werden gegen alle Ansprüche anderer „Herren und Mächte". Konkret kann das heissen: Nicht Karriere, Genuss und Konsum, noch Ausbeutung der Erde oder reine Rendite dürfen das persönliche Leben oder die Völker dominieren. Gerechtigkeit und Friede entfalten sich da, wo Christus mächtig ist.

Der König am Kreuz

Auf einen wesentlichen Aspekt des Königtums Christi ist noch hinzuweisen. Seine (göttliche und damit königliche) Herrlichkeit offenbart sich am Kreuz! Jesus ist von den Römern unter Pontius Pilatus als „König der Juden" hingerichtet worden. Der Abschnitt Lukas 23,35-43, der im Lesejahr C (2007, 2010 usw.) vorgetragen wird, erzählt, in welcher Weise Jesu König ist: Er ist als leidender und verachteter Mensch noch der Heiland der Sünder. Selbst am Kreuz wendet er sich den Armen zu, die auf das Heil warten. Überlegen verfügt er über sein Reich und eröffnet den Zugang zum Paradies.

Jesu Königtum ist paradox. In der Erniedrigung und Niederlage des Kreuzes manifestiert sich die Souveränität der göttlichen Barmherzigkeit und seine Menschenfreundlichkeit. Darin liegt auch das herrschaftskritische Potential speziell des Christkönigsfestes. Als Papst Pius XI. es einführte, waren gerade viele Monarchien in Europa untergegangen. Hierin ist es anachronistisch. Gleichzeitig konnte es als Protest gegen die aufkommenden totalitären Systeme und Staaten verstanden werden und war somit hoch politisch und aktuell. Die ursprüngliche politische Dimension des Festes zeigt noch heute eine Formulierung im Gabengebet: „Er, der für uns gestorben ist, schenke allen Völkern Einheit und Frieden."

Die Frage, die das Buch Exodus aufgeworfen hat, bleibt immer „zeit-gemäss". Solange es Welt und Zeit gibt, stellt sich die Frage, wem der Mensch dient. Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, gibt zur Antwort: Der Herrschaftsanspruch des sich selbst verabsolutierenden Staates wird letzten Endes untergehen. Einzig das Reich Gottes gewährt Leben in Fülle (vgl. die Präfation). Dem, der von sich sagt: „Ich bin das Alpha und das Omega [d. h. Anfang und Ende]" (Offenbarung 1,8), bleibt das erste und das letzte Wort.

P. Gregor Brazerol OSB

 

Stichwort

  • 1925 von Papst Pius XI. eingeführt, zum Andenken an das 1600-jährige Jubiläum des Konzils von Nizäa. Dieses formulierte den Glauben an die Gottheit Jesu.
  • Hochfest am letzten Sonntag im Jahreskreis, also: am Sonntag vor dem 1. Advent
  • Alte Feste feiern schon das Königtum Christi:
  • - Epiphanie: die Sterndeuter kommen, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen
  • - Palmsonntag: Jesu zieht in Jerusalem ein und wird als Messias proklamiert
  • - Karfreitag: Jesus wird mit Dornenkrone und Purpurmantel angetan als König der Juden verspottet; er bekennt sich vor Pilatus als König, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, und stirbt am Kreuz als „König der Juden"
  • - Ostern und Christi Himmelfahrt: Jesus Christus wird zur Rechten des Vater im Himmel inthronisiert

Wider-Worte

Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.
Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein.

Jesus an seine Jünger (Markus 10,42-44)

Geistlicher Impuls

König ist Jahwe

Die Aussage „Der Herr ist König!" oder, wie man im Gefolge der vom Neuen Testament verwendeten griechischen Übersetzung auch sagen kann, „Der Herr ist König geworden!" gehört in die sogenannten König-Jahwe-Psalmen (vgl., neben unserem Psalm, Ps 47 sowie Pss 96-99). Sie dürfen nicht verwechselt werden mit den Königspsalmen, in denen von der Herrschaft des davidischen Königs die Rede ist (vgl. u.a. Pss 2; 72, 110). Das Neue Testament bezieht diese sogenannten „messianischen" Psalmen auf den durch seine Auferweckung und Erhöhung zum „Herrn und Messias" inthronisierten Jesus: „Setze dich zu meiner Rechten, und ich lege deine Feinde dir als Schemel unter die Füße" (Apg 2,34ff = Ps 110,1). Als sein Sohn - „Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt" - erhält er von Gott „die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum" (Ps 2,7f; vgl. u.a. Hebr 1,5; 5,5). Auch er ist deshalb „König der Könige und Herr der Herren" (Offb 19,16). Ihm, dem apokalyptischen „Menschensohn", „wurde Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter!" (Dan 7,13-14). Durch ihn verwirklicht sich die Königsherrschaft Gottes: „Die Herrschaft über die Welt hat unser Herr und sein Gesalbter, und er wird herrschen in alle Ewigkeit" (Offb 11,15; vgl. Ps 2,2).
In diesen Zusammenhang gestellt, ist es alles andere als erstaunlich, dass die christliche Überlieferung seit frühester Zeit auch die König-Jahwe-Lieder auf Christus bezogen hat. Christus ist der Herr, und alttestamentliche Aussagen, die an sich Jahwe meinen, werden spontan auf ihn übertragen. Das geschieht bereits im Neuen Testament. Was ursprünglich von Gott gesagt ist, gilt nunmehr von Jesus: „Anbeten sollen ihn alle Engel" (Hebr 1,6, vgl. Ps 97,7, ein König-Jahwe-Psalm!) Deshalb ist es legitim, am heutigen Christkönigsfest den 93. Psalm als Christkönigslied anzustimmen. Er, der Herr Jesus Christus, ist König: unser Herrscher und der Herr der ganzen Welt.

Notker Füglister OSB (gestorben 1996), aus einer Auslegung zu Ps 93 (Antwortpsalm im Lesejahr B)

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