Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

Christus inmitten seiner Heiligen thumbHeilige

Die Farben der Gnade

Heilige sind out, höre ich. Namenstage treten zugunsten der Geburtstage zurück. Wer eine katholische Kirche betritt, kann ihnen trotzdem nicht ausweichen. Und in der Liturgie?

Nur einer ist heilig – Gott (z.B. 1. Samuel 2,2). Wer keine anderen Götter neben ihm haben soll (Exodus 20,3), kann der zusätzlich Heilige haben? Und sie womöglich noch verehren und an feststehenden Tagen eigens feiern, sie um fürbittendes Gebet bitten, ein ganzes Skelett oder Körperteile als Reliquien in Altären beisetzen und Knöchelchen in Monstranzen zeigen? Gehen katholische und orthodoxe Christen nicht doch zu weit, wenn sie Heilige verehren? Und inzwischen auch einige evangelischen Christen, die besondere Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luther King in eine Namensliste grosser Glaubenszeugen eintragen und ihrer gedenken? Ist das am Ende gar ein christlicher Beitrag zum Dialog mit Religionen polytheistischer Gottesverehrung? Auch wenn die Heiligenverehrung nach katholischem Verständnis weder heilsnotwendig noch gar Pflicht ist, gibt es viele Gründe über Heilige und ihren Ort in der Liturgie nachzudenken.

Der Heilige Israels als Ursprung aller Heiligkeit

Einer ist heilig – der Heilige Israels (Jesaja 12,6 und öfter). Er ist einzig. Kein Mensch kann sich mit ihm messen und neben ihm bestehen. Alle Heiligkeit kommt von ihm. Die Engel, in deren himmlische Sphäre der Prophet Jesaja anlässlich seiner Berufung entrückt wird, rufen ohne Ende einander zu und bestätigen so: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt." (Jesaja 6,3). Das ist christlich nicht überholt! Deshalb machen Christen es sich zu eigen, wenn sie im Sanctus des Hochgebets über sich selbst erhoben werden und vor Gott stehen.

Dennoch ist nach den Schriften des Ersten Testaments nicht nur Gott heilig: „Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören." (Exodus 19,4f) Heilig ist das Volk nicht aus sich selbst, sondern von Gott her durch den Bundesschluss. Menschliche Heiligkeit ist damit nicht individuell, sondern kommunial, durch die Zugehörigkeit zum Gottesvolk begründet. Einzelne Führer des Volkes, besonders Mose, treten schon hier mit Fürbitten für das Volk ein. Schliesslich wird Gottes Gabe zur Aufgabe: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig." (Levitikus 19,2) So zeigt sich schon vom Ersten Testament her, dass Monotheismus und die Heiligkeit von Menschen sich nicht grundsätzlich widersprechen.

Jesus als der Heilige Gottes

Im Neuen Testament ist Gott der Heilige – als der Vater (vgl. Johannes 17,11; 1. Johannesbrief 3,3). Gleichzeitig bekennen Petrus, aber auch Dämonen und Besessene Jesus als den Heiligen Gottes (z.B. Lukas 4,34). Seine Heiligkeit gründet in der besonderen Beziehung zum Vater, die ihn die Nähe Gottes zu den Menschen verkündigen lässt und sich in seinem Handeln zeigt. Wieder setzt sich das Heiligungshandeln fort, indem sich – nun durch das Wirken des Heiligen Geistes – ein heiliges Volk konstituiert (Römerbrief 11,17), eine heilige Kirche (Epheserbrief 5,26). Die Heiligkeit hat also wieder gemeinschaftlichen Charakter. Paulus adressiert dementsprechend viele seiner Briefe an die Heiligen z.B. in Philippi (Philipperbrief 1,1) und meint damit alle Christinnen und Christen dieser Gemeinde. Ihre Heiligkeit ist begründet in der Taufe als Lebensgemeinschaft mit Christus im Heiligen Geist. Später werden die Glaubensbekenntnisse von der „Gemeinschaft der Heiligen" sprechen und so die Kirche bezeichnen.

Heilig durch die Taufe

Was zuerst vom jüdischen Volk gesagt wurde, wird in Christus durch die Taufe für alle Völker möglich und wirklich: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm ... Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk." (1. Petrusbrief 2,9f) Wie für das ersterwählte Volk gilt deshalb für jede und jeden Einzelnen im neuen Volk Gottes und nicht nur für besonders Fromme: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist." (Matthäus 5,48)

In der Verbundenheit mit Christus, dem Fürsprecher für andere, und in seiner Zusage, die Fürbitte in seinem Namen zu erhören, gründet auch im Neuen Testament das fürbittende Gebet, z.B. der Gemeinde für die Befreiung des Petrus (Apostelgeschichte 12,5). Von dieser biblischen Basis her ist fürbittendes Gebet zuerst in der Gemeinschaft aller heiligen Getauften mit Christus grundgelegt – nicht in den besonderen Taten verehrter Menschen.

Vom Beten für die Verstorbenen zur Fürbitte für die Lebenden

Diese Gemeinschaft der Getauften ist denn auch der Nährboden, auf dem die Heiligenverehrung in einem längeren Prozess entstehen kann. An den Gräbern der Märtyrer versammelten sich am Gedenktag des Todes die Christen einer Ortsgemeinde, um für diese Verstorbenen zu beten. Durch ihren gewaltsamen Tod legten sie Zeugnis für Christus ab wie zuerst Stephanus. Sie bildeten in ihrem Sterben ab, was zuerst Christus selber erlitt. Sein Sterben ist darin den Zeitgenossen vor Augen gestellt: Die Märtyrer sind so etwas wie lebendige Christusikonen.

Aus dem Gebet der Lebenden für die Verstorbenen wird im zweiten Schritt das fürbittende Gebet der verehrten Verstorbenen für die Lebenden – eine Umkehrung der Gebetsrichtung, aber in jedem Fall Beten in der durch Christus gestifteten Beziehung untereinander. Vorausgesetzt ist dabei, dass auch die Toten in Christus sind (vgl. Röm 8,38), nicht getrennt von ihm existieren oder ins Nichts versunken sind. Diese Verbundenheit in Christus erlaubt es auch heute, für die Verstorbenen zu beten – in der Begräbnismesse wie im persönlichen Beten – und die Gemeinschaft mit den Verstorbenen im Hochgebet zu benennen.

Alle Heiligen Gottes

Legten die Märtyrer Zeugnis im Sterben ab, so andere Heilige im Leben. Etwas von dem, wie Christus den Menschen seiner Zeit begegnete, leuchtet in den Heiligen durch die in der Taufe geschenkte Gnade neu und ganz leibhaftig-konkret wieder auf: die Liebe zu den Kindern im hl. Nikolaus, die evangelische Armut im hl. Franziskus, die Barmherzigkeit in der hl. Elisabeth, die Hirtensorge im hl. Karl Borromäus und vieles andere mehr – die Anzahl der Heiligen ist zahlreicher als das Jahr Tage hat!

Was allen Christinnen und Christen in der Taufe geschenkt, jedoch im alltäglichen Leben nicht immer spürbar ist, das wirkt sich im Leben der Heiligen so stark aus, dass die unsichtbare Gnade sichtbar wird. Auch diese Heiligen sind lebendige Christusikonen, gemalt mit der Farbe der Gnade. Diese Farbe verblasst nicht, denn die in der Taufe geschenkte Berufung lebten diese Männer und Frauen unhintergehbar, endgültig. In Christus und mit ihm sind sie bei Gott. An den Gedenktagen der Heiligen und besonders stark am Fest Allerheiligen richtet sich so der Blick von der allen Getauften geschenkten Würde der Christusnachfolge auf das Ende dieses Weges in der himmlischen Herrlichkeit.

Gunda Brüske

Stichwort

  • Die Heiligenverehrung ist für den einzelnen Christen weder Pflicht noch heilsnotwendig (Konzil von Trient).
  • Heilige werden verehrt, aber nicht angebetet.
  • In der Liturgie kommen die Heiligen an unterschiedlichen Orten vor: an ihren Gedenktagen in der Messe und im Stundengebet, am Fest Allerheiligen, im letzten Teil des Hochgebets, in der Allerheiligenlitanei und mit besonderer Liebe in der Volksfrömmigkeit.
  • Für die Gedenktage der Heiligen gibt es unterschiedliche Kalender: einen Universalkalender für alle in der kath. Kirche verehrten Heiligen und Partikularkalender, in denen zusätzlich die Heiligen einzelner Sprachgebiete verzeichnet sind.
  • Heiligenfeste werden nur in ganz seltenen Fällen an einem Sonntag begangen.

Wider-Worte

"Ich würde dem Katholizismus allein wegen der Heiligenverehrung Polytheismus attestieren." Internet (14.9.2010)

"Wer hat bloss die Legende ... vom sonnigen, strahlenden, bezaubernden Edelmensch-Heiligen erfunden?" Ida Friederike Görres (1901-1971)

Geistlicher Impuls

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Mutter Teresa 1910-1997, 2003 selig gesprochen (Foto Turelio)

"Und ich stelle kühn die Behauptung auf: das Sakralsymbol des dritten nachchristlichen Jahrtausends wird der und die Heilige sein - der Mensch nämlich, dem das rettende und heilige Wirken des Herrn und Gottes nicht allein im Sakrament je und je Gegenwart ist, sondern der sich dies kraft der Gnade und im Glauben so angeeignet hat, dass in Wahrheit Christus selbst in ihm uns entgegentritt. ... Das wäre die konsequente Fortführung der neuzeitlichen Geschichte, die den Menschen in seiner Freiheit entdeckte, in der Theologie die 'anthropologische Wende' zeitigte, in den Kirchen aber den Heiligen der Urkirche, den Märtyrer, in einer Vielzahl hervorbrachte, so dass keines der 20 Jahrhunderte Kirchengeschichte quer durch alle Kirchen so viele Märtyrer sah wie das unsere. ... Der Märtyrer: in Christus der Mensch als Weg. In ihm wird der Mensch selbst ... die gültige und einnehmende Ikone Gottes und Christi."

Angelus A. Häussling OSB (1991)

Geistlicher Impuls

"Ihr Leben zeigt aber stets: sie sind nie die Bestätigung des Status quo der zeitgenössischen Kirche, sondern stellen ihn gerade in Frage. Sie bringen sie zu ihrer Zeit nicht auf einen gemeinsamen Nenner, sondern zerstören diesen, wenn er der Selbstsicherheit der Kirche zur Legitimation dient. Sie sind das Nein gegen jede Etablierung der Kirche in der Zeit; sie verkörpern das reformatorische Element der Gnade. Sie lassen sich vom Geist Gottes leiten; der Geist aber führt die Kirche auf dem Weg durch die Zeit. In den Heiligen vollzieht sich stets der nächste Schritt auf der Wanderschaft zu Gott. So verhindern sie den Hüttenbau (Markus 9,5) und ermöglichen damit neue Weisen, wie man Christus nachfolgt."

Wolfgang Beinert, in: Die Heiligen heute ehren. Freiburg Br. 1983 (vergriffen)

Facts

"In diesen Kreislauf des Jahres hat die Kirche auch die Gedächtnistage der Martyrer und der anderen Heiligen eingefügt, die, durch Gottes vielfältige Gnade zur Vollkommenheit geführt, das ewige Heil bereits erlangt haben, Gott im Himmel das vollkommene Lob singen und Fürsprache für uns einlegen. In den Gedächtnisfeiern der Heiligen verkündet die Kirche das Pascha-Mysterium in den Heiligen, die mit Christus gelitten haben und mit ihm verherrlicht sind. Sie stellt den Gläubigen ihr Beispiel vor Augen, das alle durch Christus zum Vater zieht, und sie erfleht um ihrer Verdienste willen die Wohltaten Gottes."

Liturgiekonstitution "Sacrosanctum Concilium" (1963), Nr. 104

"Jedes echte Zeugnis unserer Liebe zu den Heiligen zielt nämlich seiner Natur nach letztlich auf Christus, der 'die Krone der Heiligen' ist, und durch ihn auf Gott, der wunderbar in seinen Heiligen ist und in ihnen verherrlicht wird."

Kirchenkonstitution "Lumen Gentium" (1964), Nr. 50


Lesetipp

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Christian Feldmann, Kämpfer - Träumer - Lebenskünstler. Grosse Gestalten und Heilige für jeden Tag. Freburg Br. 2007.

Links

Ökumenisches Heiligenlexikon

Regionalkalender für das deutsche Sprachgebiet (Seite 131-144)

Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie, VI. Kap. Die Verehrung der Heiligen ...

Predigt: Die Heiligen und die Ökumene

Liturgisches Institut
der deutschsprachigen Schweiz
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CH-1700 Freiburg
Fon: 026 484 80 60
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