Hintergrund

Kirche sein im Feiern und Verstehen

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Kirche sein im Feiern und Verstehen

Stephanus mit Hand Gottes thumbStephanus 26.12.

Gestern Weihnachten – heute Martyrium

Gestern Weihnachten und heute shoppen? In vielen Orten geht es nicht. In Fribourg schon, denn es ist ein Halbfeiertag. Und liturgisch? „Nur“ das Fest des heiligen Stephanus oder doch Weihnachten?

Die gefühlt zwei Weihnachtstage sind ein merkwürdiges Paar: Geburt und Tod folgen unmittelbar aufeinander. Eine bewusste theologische Entscheidung war das vermutlich nicht, denn das Weihnachtsfest am 25.12. und der Gedenktag des heiligen Stephanus sind unabhängig voneinander erstmals im 4. Jahrhundert bezeugt. Doch der Gegensatz von der Geburt des Jesuskindes und vom Tod des ersten Märtyrers (1. Lesung Apg 6,8-10; 7,54-60) reizt zum rhetorischen Spiel. So heisst es in einer Predigt des nordafrikanischen Bischofs Fulgentius von Ruspe (gestorben 532):

„Gestern haben wir die zeitliche Geburt unseres ewigen Königs gefeiert, heute feiern wir das siegreiche Leiden seines Kämpfers. Gestern ging unser König, gehüllt in den Mantel des Fleisches, aus dem Schoss der Jungfrau hervor und besuchte in Gnaden die Welt, heute verliess der Streiter das Zelt des Leibes und zog als Sieger ein in den Himmel. ... Die Liebe, die Christus vom Himmel auf die Erde geführt hat, hob den Stephanus von der Erde zum Himmel empor.“ (aus dem Lektionar zum Stundenbuch)

Geburt und Martyrium

Gestern und heute, der ewige König und der kämpfende Mensch, Geburt und Martyrium, Herabstieg auf die Erde und Aufstieg zum Himmel. Was Weihnachten gefeiert wird, das umspannt Himmel und Erde. Schon die Weihnachtsgeschichte zeigt das: Die himmlischen Chöre singen ihr Gloria über den irdischen Fluren von Betlehem. Himmel und Erde haben sich berührt, als Gott Mensch wurde im neugeborenen Kind. Himmel und Erde berühren sich wieder im Sterben Jesu, seiner Auferstehung und Rückkehr zum Vater. Mit jeder Geburt beginnt etwas Neues, ein einzigartiges Leben, das es vorher noch nicht gab. Als das göttliche Wort Fleisch wurde, ereignete sich noch weit mehr, etwas radikal Neues, etwas von der Qualität der Schöpfung. Dieses neue Leben bleibt durch den Tod hindurch erhalten durch die Auferweckung Jesu von den Toten. Der Himmel schliesst sich nie mehr, Gott verschliesst sich nicht in sich selber.

Die Apostelgeschichte erzählt nun, wie Stephanus in einer langen Predigt (Apg 7,2-53) den Tod Jesu in die Geschichte Gottes mit seinem Volk einordnet und damit den Zorn der Anwesenden auf sich zieht. Während die Anwesenden „mit den Zähnen knirschen“ (Apg 7,54), sieht er, erfüllt vom Heiligen Geist, den geöffneten Himmel und Jesus zur Rechten Gottes. Wieder berühren sich Himmel und Erde. Stephanus predigte den Gekreuzigten und sah den Lebendigen. Für die Umstehenden eine Provokation, die sie mit der Steinigung des Stephanus beenden wollten. Doch für Stephanus schliesst sich trotz dieser extremen Bedrohung der Himmel nicht Auf dem Fresko von Sant Joan de Boí (Katalonien) sehen wir, wie ein Strahl aus dem Himmel bricht und den Heiligen trifft. Der streckt seine Hände zum Himmel aus, der göttlichen Hand entgegen. Stephanus legt sich, sein Leben, seine Hände in Gottes Geist - so wie es Jesus vor ihm getan hatte (vgl. Apg 7,59f mit Lk 23,46, Lk 23,34 und dem Kehrvers zur ersten Lesung Ps 31,6) - und stirbt.

Kann man so Weihnachten feiern?

Die katholische Liturgie jedenfalls feiert das Gedächtnis des heiligen Stephanus mit den Lesungen des Festtages, den Gebeten des Tages und den meisten Texten des Stundengebets; zugleich aber feiert sie Weihnachten in der durchgehend weihnachtlich geprägten Vesper und in der Wahl einer der drei Weihnachtspräfationen. Die dritte, „der wunderbare Tausch“ überschrieben, deutet auf besondere Weise das Festgeheimnis des Stephanus-Tages:

„In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, allmächtiger Vater zu danken und dein Erbarmen zu rühmen durch Jesus Christus. Durch ihn schaffst du den Menschen neu und schenkst ihm ewige Ehre. Denn einen wunderbaren Tausch hast du vollzogen: den göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch, und wir sterbliche Menschen empfangen in Christus dein göttliches Leben. Darum preisen wir dich ...“.

Von diesem wunderbaren Tausch war das Leben und Sterben des heiligen Stephanus umfangen. In seine sterbliche Existenz ist Jesus Christus eingetreten und hat ihn so ergriffen, dass er „erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist“ (Apg 6,5) spricht, unter dem Volk grosse Zeichen und Wunder tut (Apg 6,8). Wenn er mit den Worten Jesu auf den Lippen stirbt, vollendet sich in ihm das von Christus empfangene neue, göttliche Leben – der Tod als Geburt für den Himmel.

Tauschgeschäft

Wie mag sich der heilige Tausch heute im Leben von Christinnen und Christen Geltung verschaffen? Die politischen Ereignisse der letzten Jahre und Monate haben daran erinnert, dass Verfolgung nicht nur Phänomen der christlichen Frühzeit ist, dass vielmehr noch heute Menschen aufgrund ihrer (christlichen oder ein anderen) Religion sterben. Wie kann sich der heilige Tausch, das, was gestern an Weihnachten begonnen hat, heute in meinem Leben auswirken? Sicher nicht dadurch, dass ich am 26. Dezember in das nachweihnachtliche Tauschgeschäft eintauche. Das Tagesgebet antwortet mit dem Verweis auf die Feindesliebe, die Stephanus gelebt hat, als er betend für seine Peiniger eintrat, und das Schlussgebet nennt die Bereitschaft, Jesus Christus wie Stephanus standhaft zu bekennen. Mit dem Künstler, der das wunderbare Fresko von Sant Joan de Boí geschaffen hat, möchte ich ergänzen: indem wir unsere Hände immer wieder voll Vertrauen zu Gott ausstrecken und uns von ihm ergreifen und beschenken lassen.

Gunda Brüske

Stichwort

  • Stephanus: biblischer Heiliger, einer der Diakone aus Apg 6,1-7, „ein Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist“ (Apg 6,5), der unter dem Volk grosse Zeichen und Wunder tat (Apg 6,8), sprachgewaltiger Redner (Apg 6,10; 7,1-53), erster Märtyrer (Apg 7,54-60)
  • Gedächtnistag des Heiligen am 26.12. belegt seit dem 4. Jh.
  • Kath. Liturgie: Festtag, liturgische Farbe Rot; protestantische Kirchen: Gedenktag, zweiter Weihnachtsfesttag
  • Mittelalterliches Verständnis: Stephanus (26.12.), Johannes der Evangelist (27.12.) und die unschuldigen Kinder (28.12.) sind „Christi Gefolgsleute“, seine Gefährten

Praxis-Tipp

Am 26.12. wird seit einigen Jahre besonders für verfolgte und bedrängte Christen gebetet. Hier zwei unterschiedliche Gebetsvorlagen.

Fürbitten für verfolgte und bedrängte Christen 2015

Gebet für verfolgte Christen - Gebetszettel

Geistlicher Impuls

„Ein weihnachtlicher Mensch sieht - erfüllt vom Heiligen Geist - mitten auf Erden den Himmel offen. Er erschließt sich von seinem Mensch gewordenen und gekreuzigten Herrn, den er bei Gott erhöht weiß, die gesamte Wirklichkeit. Von dieser Perspektive ist das Handeln ganz und gar bestimmt und wird zur Nachahmung der Diakonie Christi in ihren vielfältigen Formen. Das lässt die Gottesherrschaft mitten in der Geschichte weiter wachsen. Denn in den Zeugen offenbart sich die ‚Torheit‘ des Kreuzes als Weisheit Gottes.“

Stephan Winter (2009)


Links

Liturgische Texte

Stephanus im Ökumenischen Heiligenlexikon

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